Heilige Bäume und ihr Cultus. 143
wir das Zeugnis des Philo von Byblus, dass die Pflanzen der Erde in alten Zeitenals Götter galten und mit Trankspenden nnd Opfern verehrt wurden, weil dieauf einander folgenden Menschengeschlechter ihren Lebensunterhalt aus ihnengewannen. Noch heute trifft der Reisende in Palästina häufig auf heiligeBäume, die — wie die ähät anwät in Arabien — mit Fetzen als Zeichen derVerehrung behängt sind.
Welche Stellung der Baumcultus in den höher entwickelten Formen dersemitischen Religion einnahm, lässt sich nicht leicht bestimmen. Die beigrösseren Heiligtümern gelegenen Haine scheinen in späterer Zeit nicht un-mittelbar Gegenstand der Verehrung gewesen zu sein, obgleich sie an derUnverletzlichkeit teilhatten, die sich auf die ganze Umgebung der Gottheiterstreckte. Bisweilen glaubte man, sie seien — wie die alten Cypressen desHerakles bei Daphne — vom Gotte selbst gepflanzt 2G7 . Nicht bei den grossenHeiligtümern der Städte, wohl aber auf freiem Felde hatte die Landbevölkerungdie primitiven cultischen Bräuche ohne wesentliche Umgestaltung von Jahr-hundert zu Jahrhundert festgehalten und ausgeübt, sodass der Cultus der„ einzelstehenden Bäume" den Untergang der grossen Gottheiten des semitischenHeidentums überlebte 208 .
Es spricht kein Grund für die Annahme, dass sich die bedeutenderensemitischen Religionsformen aus dem Baumcultus entwickelt hätten. In ihnenallen nimmt der Altarcultus die wichtigste Stelle ein; wir werden bald sehen,dass die Anfänge dieser Cultusform, soweit sie sich in eine Zeit zurückverfolgenlassen, als die Götter noch nicht anthropomorphisch gedacht waren, mehr mitdem Tiercultus als mit dem Baumcultus in Zusammenhang stehen. Dass sichbei den Heiligtümern in der Regel Bäume finden, ist mit dieser Auffassungkeineswegs unvereinbar; denn wo der Baum als vom Gotte gepflanzt giltoder seinen bevorzugten Sitz bezeichnet, wird ihm keine direkte cultische Ver-ehrung zu teil.
Wenn wir indes finden, dass keine kanaanitische Cultusstatte für voll-ständig galt ohne den heiligen Baum, der neben dem Altar stand, wenn wirdazu ferner die unzweifelhafte Thatsache nehmen, dass die direkte Verehrungheiliger Bäume bei allen Semiten gebräuchlich war, so lässt sich der Schlusskaum vermeiden, dass einige Elemente des Baumcultus auch in den Cultussolcher Gottheiten eindrangen, die ihrem Ursprünge nach keine Baumgötterwaren. Die localen Heiligtümer der Hebräer, die von den Propheten als reinheidnisch betrachtet* werden und sicher in allen Zügen dem kanaanitischenCultus nachgebildet waren, waren Altäre. Gewöhnlich aber waren die Altäre„unter einem grünen Baum" errichtet, und der Altar war, was noch wichtigerist, ohne die neben ihm stehende ASera unvollständig. Die Bedeutung diesesWortes, das die LXX, die Vulgata und danach oft auch Luther fälschlich mit „ Hain"Aviedergeben, ist Gegenstand vielfacher Erörterungen gewesen. Was die Asera
267) Ebenso meinte man, dass die Tamariske bei Beerseba von Abraham gepflanztworden sei (Gen. 21, 33).
268) Der einzelstehende Baum mag in manchen Fällen der letzte Ueberrest einer
vernichteten heidnischen Cultusstatte sein. Was Mukaddasi über den Al-Sayara(„der Baum") genannten Platz sagt, deutet auf derartiges; denn hier fand ein jährlichesFest und eine Messe statt. Bei der Terebinthe zu Mamre kann in heidnischer Zeit einAltar kaum gefehlt haben.