142 Fünftes Kapitel. Natürliche und künstliche Cultusstätten etc.
Heilige Bäume und ihr Cultus
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Dass die Vorstellung, einzelne Bäume seien selbst dämonisch beseelteWesen, den Semiten vertraut war, haben wir bereits aus manchen Beispielenersehen. Zahlreich sind auch die Zeugnisse, dass in allen Teilen des semitischenGebietes Bäume als göttlich verehrt wurden.
Reiner und einfacher Baumcultus, bei dem der Baum in jeder Hinsichtals Gott behandelt wird, ist nur für Arabien (freilich von keiner besonderszuverlässigen Seite) bei der heiligen Dattelpalme zu Nagran bezeugt 202 . Ihrwurde bei einem jährlichen Feste cultische Verehrung erwiesen, wobei sie mitschönen Kleidern und Schmuckgegenständen, wie sie die Frauen trugen, behängtwurde. Ein derartiger Baum, den das Volk von Mekka jährlich besuchte, anden man Waffen, Kleider, Strausseneier und andere Gaben hängte, wird in derUeberlieferung über den Propheten (hadith) erwähnt unter der allgemeinenBezeichnung dJiät anwät, d. h. ein Baum zum Aufhängen von Gegenständen.Dieser Baum scheint mit der heiligen Akazie, dem Samurabaum im Thal Al-Nahla identisch zu sein, der für den Wohnsitz der Göttin Al-'Uzza gehaltenwurde 2(i3 . Der Baum zu Hudaibija, der in Sure 48, 18 erwähnt ist, wurdevon Pilgern, die von ihm eine Segnung zu erlangen glaubten, besucht, bis ervom Chalifen 'Omar niedergehauen wurde, damit er nicht ebenso wie Al-Lät und Al-'Uzza verehrt würde 204 . Unter den heutigen Arabern werdenheilige Bäume manähil genannt, d. h. Stätten, wo Engel und Ginnen herab-kommen, und man sie tanzen und singen hört. Einen Zweig von einem solchenBaume zu reissen ist mit Todesgefahr verbunden; die Bäume wurden mit Opfernverehrt, und Stücke von dem Opferfleisch wurden an ihnen aufgehängt, ebensoauch Fetzen von Kattun, Perlen und dergleichen. Ein kranker Mensch, derunter ihnen schlief, erhielt im Traume Rat zur Wiederherstellung seiner Ge-sundheit 265 .
Unter den heidnischen Syrern muss der Baumcult ausserordentlich weitverbreitet gewesen sein; er ist einer von den abergläubischen Bräuchen, dieauch das Christentum nicht auszurotten vermochte. Wir haben schon Namen-christen in Syrien gefunden, die sich in ihren Krankheiten an einen ein-zelnen Baum wandten, während eifrige Christen bestrebt waren, die „Bäumeder Dämonen" niederzuhauen 2ec . In betreff der Phönicier und Kanaaniter haben
261) Ueber heüige Bäume bei den Semiten s. Baudissin, Studien zur semit.Religionsgesch. II, 184 if.; für Arabien s. Wellhausen, Reste arab. Heident. p. 101[2. Aufl. p. 104—105]. Vergl. Bottiche r, Baumcultus der Hellenen (Berlin, 1856),Mannhardt, Wald- und Feldculte (Berlin, 1875, 77).
262) Tabari, I, 922, s. Nöldekes Uebersetzung, p. 181. Ibn Hisäm, p. 22. SeinGewährsmann ist Wahb b. Munabbih, der kaum mehr ist als ein geschickter Lügner.Wellhausen, Heidentum, 2. Aufl. p. 104.
263) Wellhausen, Heidentum, p. 30 ff. 35 [2. Aufl. 36 ff.].
264) Jäküt, 111,261. Zu Hudaibija war auch ein Brunnen, dessen Wasser durchein Wunder des Propheten vermehrt war (Ibn Hisäm, p. 742, Muhammed inMedina,p. 247). Ich vermute, dass die Heiligkeit des Baumes und der Quelle älter sind als Mu-hammad; denn der Platz wird zum Haram gerechnet, liegt jedoch ausserhalb seinerGrenzlinie. (Jäküt, II, 222).
265) Doughty, Arabia Deserta I, 448 ff.
266) Kays er, Die Kanones des Jakob von Edessa, p. 141.