Heilkräftige Wasser. 141
Syriens in Zusammenhang steht: Noch im Mittelalter bestand der Glaube,dass wer im Frühling in der Quelle des Euphrat gebadet-hatte, für das ganzeJahr von Krankheit frei wäre 257 . Diese Heilkraft ward nicht auf das Wasserselbst beschränkt, sondern erstreckte sich auch auf die rings heram wachsen-den Pflanzen. Am heiligen Flusse Belus wuchs die Kolokasia, eine Pflanze,durch die Herakles nach dem Kampfe mit der Hydra geheilt wurde. IhreWurzeln wurden weiterhin als Heilmittel gegen schlimme Geschwüre ge-braucht 258 . Bei Paneas wuchs ein Kraut, das alle Krankheiten heilte, amFuss einer Statue, die für eine Darstellung Christi gehalten wurde, offenbaraber ein Ueberrest alten Heidentums an dem Orte war 269 . Wenn Hesekieldie heiligen Wasser, die sich aus dem neuen Jerusalem ergiessen, beschreibtals lebenspendend da, wohin sie nur kommen, und das Laub der Bäume anihren Ufern als Heilmittel, so steht sein Bild in engster Berührung mitgemeinsemitischen Vorstellungen (Hes. 47, 9. 12).
Die heilende Kraft des heiligen Wassers ist mit seiner reinigenden undheiligenden Kraft eng verknüpft; denn die ursprüngliche Auffassung der Un-reinheit ist die einer gefährlichen, übertragbaren Krankheit. Im semitischenRitual spielen Waschungen und Reinigungen eine grosse Rolle und werdenmit fliessendem Wasser, das als solches in gewissem Grade heilig war, voll-zogen. Ob insbesondere heilige Quellen zur Reinigung dienten, und unterwelchen einschränkenden Bestimmungen, wenn es der Fall war, lässt sichkaum mit Sicherheit sagen. In den meisten Fällen wurden sie, wie wir ver-muten können, für zu heilig gehalten, als dass ein Mensch, der im rituellenSinne unrein war, sich ihnen hätte nahen dürfen. Aus Ephraem Syrus istimmerhin noch ersichtlich, dass die Sitte des Badens in Quellen einer derheidnischen Bräuche war, dem die Syrer zu seiner Zeit sehr ergeben waren,während er selbst ihn als eine Art heidnischen Weihebrauches zu betrachtenscheint 260 . Leider geht die rhetorische Darstellung der syrischen Kirchen-väter selten darauf ein, die Einzelheiten solcher Thatsachen näher anzugeben.
Aus dieser Darstellung des mit heiligen Quellen verbundenen Ritualsdürfte klar sein, dass alle Bräuche und Ceremonien aus allgemeinen Grund-gedanken verständlich sind, ohne Beziehung auf besondere Legenden oder denCultus besonderer Gottheiten, die mit den Gewässern im einzelnen im Zu-sammenhang standen. Die Quelle wird als eine lebende Grösse betrachtet;solche Eigenschaften des Wassers, die für uns natürlich sind, werden alsOffenbarungen göttlichen Lebens angesehen, und die Quelle selbst wird alsein göttliches Wesen verehrt, fast könnte man sagen als ein göttliches Lebe-wesen. Wenn die Religion eine entschieden anthropomorphe Gestalt annimmtoder sich zu einem Cultus der Gestirne ausbildet, so werden Mythen erfunden,um die neue Anschauung mit dem alten Brauche zu vereinen; das eigentlicheWesen des Cultus aber bleibt unverändert.
257) Kazwini, I, 194 Ich könnte auch die zahlreichen Sagen von Amuletten er-wähnen, die im Tigris und andern Flüssen gefunden werden, die ihre Träger gegen wildeTiere, Dämonen und andere Gefahren schützen. (Mir. Ausc. 159 f.)
258) Claudius Iolaus, bei Stephan, ßyzant. s. v. "Axt).
259) Theophanes, bei R e 1 a n d, Antiq. hebr. II, 922.
260) Opera, III, 670 f.; H. et S., ed. Lamy, II, 895, 411.