Orakel von heiligen Wassern. 137
hinabstieg. Bei der jährlichen Messe und dem Feste der Terebinthe oderdes Baumes und der Quelle Abrahams zu Mamre, brachten die heidnischenTeilnehmer, die den Ort als Sitz von „ Engeln" 236 verehrten, nicht nur unterdem Baume Opfer dar, sondern erleuchteten auch die Quelle mit Lampen undwarfen in dieselbe Opfergaben von Wein, Kuchen, Münzen, Myrrhe und Weih-rauch 237 . Dagegen wurden bei den heiligen Quellen von Karwa und Säwidin Südarabien, die Hamdäni im Iklil beschreibt (Müller, Burgen und Schlösserp. 69) die Opfergaben von Brot, Früchten oder anderen Lebensmitteln nebender Quelle niedergelegt. Im ersten Falle nahm man an, dass sie von derSchlange, die in den Gewässern ihren Wohnsitz hatte, genossen würden, imandern wurden sie von wilden Tieren und Vögeln verzehrt. Bei Gaza wird nochheute Brot wie eine Opfergabe ins Meer geworfen 238 .
In der alten Religion sind die Opfer die eigentlichen Vermittler von Gebetund Bitte, und wenn der Gläubige seine Gabe darbringt, so erwartet er ein sicht-bares Zeichen, ob sein Gebet Annahme gefunden hat (Gen. 4, 4. 5.). In Aphakaund bei der stygischen Quelle versank die angenommene Gabe in der Tiefe,während das zurückgewiesene Opfer von den Strudeln wieder hinausgeworfenwurde. Es wurde als ein Zeichen des bevorstehenden Falles von Palmyra ange-sehen, als die von der Stadt bei einem jährlichen Feste dargebrachten Gaben imfolgenden Jahre wieder ausgeworfen wurden 230 . An diesem Beispiel könnenwir erkennen, wie die heilige Quelle, indem sie die günstige oder ungünstigeGesinnung der Gottheit verkündigt, die Bedeutung eines Orakels gewinnt undzu einer Stätte der Wahrsagung wird. Ebenso sind in Griechenland heiligeQuellen mit Orakeln verbunden, jedoch meist nur in Form der Anschauung,dass das Wasser denen, die es trinken, prophetische Gabe verleiht. Bei demsemitischen Orakel von Aphaka ist das Verfahren noch ganz primitiv, indemdie Antwort unmittelbar vom Wasser selbst gegeben wird; die Bestimmtheitderselben beschränkt sich aber auf das, was aus der Annahme oder Abwei-sung des Gläubigen und seines Anliegens erschlossen werden kann. DasOrakel von Daphne bei Antiochia, welches man durch Eintauchen eines Lor-beerblattes in das Wasser erlangte, war vermutlich von gleicher Art; denn wirkönnen es nicht als ernst zu nehmende Thatsache ansehen, dass die Antwortauf dem Blatte geschrieben erschienen sein soll 240 . Die Wahl des Lorbeerblattes,das als Opfer in das Wasser geworfen wurde, muss auf griechischem Ein-flüsse beruhen; aber Daphne war bereits eine Cultstätte des Herakles, d. h.des semitischen Baal, bevor der Tempel des Apollo erbaut wurde 241 .
236) d. h. „Dämonen", Sozomenos sagt „Engel", und nicht Teufel, weil die Heilig-keit des Ortes auch von Christen anerkannt wurde.
237) Sozomenos, Hist. eccl. II, 4. Alle „lebenden Gewässer" scheinen in derReligion der Nordsemiten eine gewisse Heiligkeit gehabt zu haben. Vielleicht gehörthierher auch der Brauch, die 'AScoviSgs y.f,7tot in Quellen zu werfen. Zenobiua, 1, 49[= Paroemiographi graeci. ed. Gaisford, p. 244].
238) Palest. Explor. Fund. Quart. Stat. 1893, p. 26.
239) Z o simus, I, 58. In Aphaka fallen die "Wasser, wie bei der stygischenQuelle, als Katarakt in einen tiefen Abgrund.
240) Sozomenos, V, 19, 11. Vergl. die Gottesentscheidung durch das Hinein-werfen einer Tafel in die Wasser zu Palici in Sicilien. Die Tafel versank, wenn dasdarauf geschriebene falsch war. Mir. Ausc. § 57.
241) M a 1 a 1 a s, p. 204. Eine Abart dieser Form des Orakels begegnet uns beiMyra in Lycien, wo das Zeichen von dem heiligen Fisch dadurch gegeben wird, dass er