136 Fünftes Kapitel. Natürliche und künstliche Cultusstätten etc.
Dieser Glaube hat sich als eines der unvergänglichsten Bestandteile des altenHeidentums erwiesen; noch heute werden heilige Fische in den Teichen beiden Moscheen von Tripolis und Edessa gehalten. An letzterem Orte bestehtder Glaube, dass der Tod oder andere üble Folgen den ergreifen würden, dersie zu essen wagte 232 .
Die belebende Kraft, die heiligen Gewässern innewohnt und ihnen ihrewunderbare oder heilungspendende Eigenschaft verleiht, wird oft für eineSchlange gehalten, wie in den bereits angeführten Fällen im Bereich derAraber und Hebräer, oder für einen grossen Drachen oder ein Wasserunge-heuer, wie ein solcher nach der antiochenischen Sage das vielfach gewundeneFlussbett des Orontes aushöhlte und unmittelbar bei seiner Quelle verschwand 233 .In solchen Fällen sind die Schlangen natürlich dämonische Schlangen oder Ginnen,und der Drache vom Orontes wurde in der griechischen Zeit mit Typhon, demFeinde der Götter, identifiziert 234 . Aber der Dämon kann auch andere Gestalten an-nehmen ; so sind in Rämalläh in Palästina, wo zwei Quellen sind, von denen dieeine von einem Kamel, die andere von einer Braut bewohnt wird; die'Quelle bei 'Artäs wird von einem weissen und schwarzen Widder bewacht 235 .
Orakel von heiligen Wassern.
In allen ihren verschiedenen Gestaltungen ist der Hauptpunkt der Legendender, dass die heilige Quelle entweder von einem dämonischen Wesen bewohntwird oder mit dämonischem Leben ausgestattet ist. Die gleiche Anschauung trittmit voller Deutlichkeit in dem mit heiligen Gewässern verbundenen Ritus hervor.Obgleich diese oft mit Tempeln, Altären und dem für die Ausübung desCultus, der den Himmelgottheiten galt, gebräuchlichen Apparat verknüpft war,so behielt doch die Verehrung, die der heiligen Quelle erwiesen wurde, eineGestalt, in der zum Ausdruck kam, dass dem Wasser selbst göttliche Macht zuge-schrieben wurde. Wir haben gesehen, dass zu Mekka und bei den stygischenGewässern der syrischen Wüste Opfergaben in die heilige Quelle geworfenwurden. Aber auch zu Aphaka, wo zu einer Zeit, auf die sich unsere Be-richte beziehen, die Göttin des Ortes für die Urania oder die himmlischeAstarte gehalten wurde, warfen die Pilger Kleinodien von Gold oder Silber,Gewebe von Leinen und Byssus und andere kostbare Stoffe in den Teich, undder offenbare Widerspruch zwischen dem himmlischen Charakter der Göttinund der irdischen Bestimmung der Gaben wurde durch die Annahme erklärt,dass sie zur Zeit des Festes in Gestalt eines glänzenden Sternes in den Teich
232) Sachan, Reise, p. 197.
233) Der Leviathan (f'än) der Bibel ist, wie der arabische tinnin, wahrscheinlicheine Personifikation der Wasserhose (Ps. 148,7; vergl. Mas'üdi, I, 263, 266). Wirsehen so, wie leicht die Phantasie der Orientalen Wassererscheinungen zu beseeltenWesen gestaltet.
234) Daher vielleicht der neue, arabische Name des Flusses Nähr al-'Asi „derStrom des Empörers"; die von Jäküt, III, 588 gegebene Deutung empfiehlt sich nicht.Das Begräbnis des mit Typhon identifizierten Drachen an der Quelle des Orontes kannmit der muslimischen Legende von dem Brunnen bei Babylon verglichen werden, wodie abtrünnigen Engel Härüt und Märüt begraben sind, Kazwini, I, 197.
235) ZDP V. X, 180. Palestine Exploration Fund. Quarterly Statements. 1893, p. 204.[Aus einem Brunnen glaubte man nämlich ein Geräusch zu vernehmen, das dem Klirrendes goldenen Schmuckes einer arab. Braut glich.]