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Die Religion der Semiten
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134 Fünftes Kapitel. Natürliche und künstliehe Cultusstätten etc.

Die Mythen, die sich auf heilige Quellen und Flüsse beziehen und dieihren Verehrern zur Erklärung ihrer Heiligkeit mitgeteilt wurden, waren vonverschiedener Gestalt. Aber die religiösen Anschauungen und die cultischenBräuche, die sich mit heiligen Gewässern verknüpften, waren überall ganz diegleichen. Die allgemeine Grundanschauung, die sich durch alle die mannig-faltigen Gestalten der Legende zieht und die Grundlage des cultischen Brauchesbildet, ist die, dass die heiligen Gewässer von göttlichem Leben und göttlicherKraft erfüllt sind. In verschiedener Weise drücken die Legenden das aus; siebringen die göttliche Art des Wassers in Verbindung mit verschiedenen Gott-heiten oder übernatürlichen Mächten; aber sie stimmen alle darin überein, dassihr wichtigstes Ziel ist, zu zeigen, durch welchen Vorgang die Quelle oderder Fluss mit der Lebenskraft der Gottheit ausgestattet wurden, der sie ge-weiht sind.

Von den Alten wird das Blut allgemein als Grundkraft oder Träger desLebens betrachtet, und so ist die Bedeutung, die dem heiligen Wasser oftbeigelegt wird, die, dass in ihm das Blut der Gottheit strömt, so wie esMilton schildert 225 :

......Nun kam Thammuz,

Des Wund' alljährlich zog zum LibanonDie syrischen Jungfraun, um in LiebesklagenSein Schicksal einen Sonnentag zu feiern,Weil da Adonis sanft vom felsigen UrsprungJährlich zum Meere floss, so hiess es, purpurnVon Thammuz Blut."Die rötliche Farbe, die der angeschwollene Fluss zu bestimmten Zeiten 226 ausdem Erdreich mit sich führt, wurde für das Blut des Gottes erklärt, der imLibanon zur selben Zeit des Jahres eine tödliche Wunde empfangen hatte undneben der heiligen Quelle begraben lag. Aehnlich glaubte man, dass einebraungelbe Quelle bei Japho ihre Farbe von dem Blute des Seeungeheuerserhalten habe, das Perseus tötete 227 . Philo von Byblus sagt, dass diejenigenQuellen und Flüsse dem Himmelsgotte (Ba'al-samaim) heilig waren, die seinBlut aufgenommen hatten, als er von seinem Sohne verstümmelt wurde 228 .Nach einer anderen Reihe von Sagen, die besonders mit dem Cultus der Atar-gatis zusammenhängen, wohnt das göttliche Leben der Gewässer in dem hei-

225) Paradise Lost, I. 448 ff. Milton benutzt in diesen Versen Lucian, De deaSyria, 8: ,'0 8s 7toxa|£ Ixdaxou iieoj ai|j.daaöxxt. .... MuS-eovxai Se Sxi xaöxijai xf;ai 7)|jipryai6 "AScovt£ äva xöv AEßavov xixpcuay.Exai xai xo alp.7. 4f uScop £p)(ilisvov ÄXXdoöef xiv jtoxaiiöv."[Die oben gegebene Uebersetzung ist die von Eitner.]

226) Dass sich das Wasser des Adonis rötet, wurde von Maundrell am 27. März1696 und von Renan im Februar beobachtet.

Melito, Apologie (s. Cure ton, Spicilegium syriacum, p. 25, Z. 1). Dass dasGrab des Adonis an der Mündung des Flusses gezeigt wurde, ist aus Lucian, De deaSyria, 6. 7. ersichtlich. Auch der Fluss Belus hatte sein Memnonion oder Adonisgrab(Josephus, Bell. jud. II, 10, 2). Im heutigen Syrien findet man häufig Brunnen beiden Gräbern der Heiligen; man glaubt, dass sie von einer Art Feen bewohnt sind. Einkrankes Kind gilt als ein von der Fee untergeschobener Wechselbalg und muss in denBrunnen hinabgelassen werden; die Fee nimmt es dann zurück, und das richtige Kindwird an seiner Statt heraufgebracht. Diese Sage lebt in der Gegend von Sidon (s, ZDPV"vol. YII. p. 84 vergl. p. 106).

227) Pausanias IV, 35, 9.

228) Euseb., Praep. Evang. I, 10, 22 (= Fragm. Hist. Graec. III, 568). Hierhergehört auch die Quelle des Chaboras, wo Hera ,;iexa xoüj ytipoui; .... ä.m\oi>aoao. "