130 Fünftes Kapitel. Natürliche und künstliche Gultusstätten etc.
von arabischen Heiligtümern werden Quellen und Ströme erwähnt; aber esfindet sich kaum je ein direktes Zeugnis dafür, dass diese Gewässer heiligwaren oder im Cultus eine bestimmte Rolle spielten. Am klarsten liegt dieseThatsache in Mekka vor, wo die Heiligkeit des Zemzembrunnens sicher vor-islamisch ist. Es hat auch den Anschein, dass in alten Zeiten Opfergaben,in denselben hineingeworfen wurden ebenso wie in die heiligen Quellen beiden Nordsemiten 208 . Eine Art ritueller Heiligkeit scheint auch der heiligeBorn, ein Wasserfall bei dem Heiligtum des Dusares (Dhu 1-Sara), desGottes der Datisiten, gehabt zu haben 209 . Weiterhin ist aber beachtenswert,da heilkräftige Quellen überall mit heiligen Quellen identifiziert werden, dassdie Südaraber heilende Gewässer von einem ginn bewohnt dachten, der ge-wöhnlich in Gestalt einer Schlange erscheint 210 . Auch das Wasser des Hei-ligtums bei Palmetum galt als Heilung spendend und wurde von den Pilgernmit nach Hause genommen, wie beute das Wasser des Zemzem-Brunnens 211 .Ebenso ist die Sitte der Pilger, Wasser aus dem Brunnen von l Urwa 212 mit-zunehmen, wahrscheinlich ein Ueberrest der alten Heiligkeit. An den Grenzendes arabischen Gebietes finden wir ferner die heilige Quelle von Ephka beiPalmyra, mit der noch heute eine Sage von einem Dämon in Schlangengestaltverknüpft ist. Es ist eine schwefelhaltige Quelle, die einen Wächter hatte,der von dem Gotte Jarhibol eingesetzt war 213 und die auf einer Inschriftdie „gesegnete Quelle" genannt wird. Unterirdische Gewässer finden wirferner in der Wüste jenseits Bostra, wo eine grosse Schlucht einen aus grosserHöhe herabstürzenden Wasserfall in sich aufnimmt; Die Wasser hatten die
208) Wellhausen, Heidentum, p. 101 [2. Aufl. 103] hat das mit Wahrschein-lichkeit aus der Erzählung geschlossen, dass, als der Brunnen von dem Grossvater Mu-hammads wieder aufgefunden und gereinigt wurde, in ihm zwei goldene Gazellen undmehrere Schwerter gefunden wurden. Alles, was von den Vorfahren des Propheten er-zählt wird, ist zwar mit Vorsicht aufzunehmen; jedoch sieht dies nicht wie Erfindungaus. Die beiden goldenen Gazellen haben in den goldenen Kamelen als Weihgeschenken,die auf sabäischen und nabatäischen Inschriften erwähnt werden, eine Parallele (s. Nöl-deke, ZDMG. 38, 143 f. Vergl. Mordtmann und Müller, Sab. Denkmäler, p. 10)
209) Ihn Hisam^p. 253. Wellhausen, Heidentum, p. 45 [2. Aufl. 48 f.] EineFrau, die den Islam annimmt, bricht mit dem heidnischen Gotte, indem sie sich indiesem Born „reinigt". Darin liegt, dass ihr Verfahren das an dem Heiligtum geltendeBitual verletzte; vermutlich hatte ein Weib, wenn es sich reinigen musste, keinen Zu-tritt zu dem heiligen Wasser. Vergl. Jäküt, I, 657, Z. 2 ff.; IV, 651, Z. 4 ff.; Bon Hisäm,p. 15 ult. — Bei Tabari, I, 271 f. lesen wir, dass das Wasser zu Beersaba verschwand,wenn ein Weib während ihrer Periode aus ihm schöpfen wollte. Vergl. Al-Birüni,Chronolog. p. 246, Z. 8 ff. Unter gewöhnlichen Umständen war das Baden in einerheiligen Quelle eine dem Wasser erwiesene Huldigung; so war es wenigstens in Syrien.
210) Mordtmann, ZDMG. 38, 587: Sage von der Schlange in der Schwefelquelle'Ain el-Nudjum bei Palmyra. Eine ähnliche Sage von der Entstehung einer Quelledurch eine Schlange, die in einen Felsen kriecht, s. bei M alt z an, Reise in Südarabien,p. 304. Vergl. andere Erzählungen in Hamdäni's Iklil (s. D. H. Müller, Burgen undSchlösser I, 34). Die von Maltzan erwähnte Quelle, die heisse Quelle von Msa'ide, hatalle Merkmale eines Heiligtums, ausser dass die Schlangengottheit, die als Msa'ud an-gerufen wird und'den Verehrern auf ihre Bitten heisses oder kaltes Wasser sendet, zu
einem Dämon geworden ist. Im Monat Ragab, dem alten heiligen Monat der Araber,wird jährlich eine Pilgerfahrt nach dem Orte gemacht, womit sich Festlichkeiten ver-binden, die einige Tage währen.
211) Agatharchides bei Diodor. Sic. IH, 43.
212) Jäküt, I, 434; Kazwini, I, 200.
213) Waddington, No. 2571 C; De Vogüe, Inscriptions de Palmyre, No. 95.Den modernen Schlangenmythus s. oben nach Mordtmann; Lady Anne Blunt, Pil-grimage to Nejd, II, 67.