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Die Religion der Semiten
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Heilige Quellen in Arabien. 129

war bisweilen ein Naturgegenstand, bisweilen ein künstlich errichtetes Gebilde.Die gebräuchlichen natürlichen Symbole sind Quellen oder Bäume, währenddas gewöhnliche künstliche Symbol eine Säule oder ein Steinhaufen ist. Sehroft aber finden sich alle drei vereinigt, und zwar war dies die Regel an denweiter ausgestalteten Cultusstätten, indem mit jedem besondere cultische Bräucheverknüpft waren.

Die Wahl der natürlichen Symbole, der Quelle und des Baumes, beruhtzum Teil unfraglich darauf, dass sich die bevorzugten Wohnsitze des be-seelten Lebens, dem religiöse Verehrung dargebracht wurde, hauptsächlich unterBäumen oder an fliessendem Wasser fanden. Daneben aber haben wir bereitsBeweise dafür gefunden, dass auch Bäumen und Quellen selbst ein Leben,analog dem des Menschen zugeschrieben wurde, das aber geheimnisvoll warund daher Ehrfurcht erforderte. Uns mag dies beides als durchaus verschiedeneAnschauungsweisen erscheinen. In dem einen Falle bezeichnet die Quelle oderder Baum nur den Ort, den die Gottheit aufsucht, im anderen sind sie diesichtbare Verkörperung der göttlichen Gegenwart. Für die primitive Auf-fassung aber besteht keine Schwierigkeit darin, verschiedene Ideen mit der-selben heiligen Stätte oder demselben Gegenstande zu verknüpfen. Die Göttersind nicht an eine Form der Verkörperung oder Offenbarung gebunden; dennwie wir bereits bemerkt haben, liegt auch der Anschauung der rohesten Völkereine gewisse Unterscheidung des innern Lebens von der materiellen Ein-kleidung desselben nahe durch Erscheinungen wie die der Träume. SelbstMenschen vermögen, wie man annimmt, ihre Gestalt zu verändern und zeitweisedie eines Wolfes oder Vogels anzunehmen. Vermöge ihrer überlegenen Kräftehaben natürlich die Götter einen noch weiter ausgedehnten Bereich ihrer Dar-stellung, und dieselbe Gottheit vermag sich ebensowohl im Leben eines Baumesoder einer Quelle zu offenbaren, wie von Zeit zu Zeit in Gestalt eines Menschenoder Tieres hervorzutreten. Alle Lebensäusserungen an einer oder um eine heiligeStätte nehmen leicht göttlichen Charakter an und bilden für die religiöseAuffassung eine Einheit, die dazu beiträgt, die gleiche religiöse Empfindunghervorzurufen und zu erhalten; und in ihnen allen wird die Gottheit in dergleichen unmittelbaren Weise als gegenwärtig empfunden. Die dauerndenOffenbarungen ihrer Gegenwart, die heilige Quelle und der heilige Stein, sindindes besonders geeignet, in der Ausübung des Cultus die erste Stelle einzu-nehmen, einfach deshalb, weil sie bleibend sind und dadurch eine feste culti-sche Tradition mit sich verknüpfen. Diese Erwägungen haben in gleicherWeise für die Heiligtümer der nomadischen wie der sesshaften Völker Gel-tung; unter den letzteren aber musste die religiöse Bedeutung des Wassersund des Waldes erheblich verstärkt werden durch die Entwicklung der Ideendes Baalcultus, in dem die Gottheit als Spender des Lebens mit dem beleben-den Wasser und dem Pflanzenwuchs besonders eng verknüpft ist.

Heilige Quellen in Arabien.

Damit steht in Uebereinstimmung, dass sich heilige Gewässer in Verbin-dung mit Cultusstätten in allen Teilen der semitischen Welt finden, dass sie aberweniger unter den nomadischen Arabern, als unter den Ackerbau treibendenVölkerns Syriens und Palästinas hervortreten. Bei einer beträchtlichen Anzahl

Smith, Religion. "