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Die Religion der Semiten
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124 Viertes Kapitel. Die Beziehung des Menschen zu heiligen Stätten.

Lande des Gottes wird das Leben in allen seinen Beziehungen durch steteRücksicht auf seine Heiligkeit bestimmt; bei den ansässigen Semiten, die aufdem Grund und Boden des Baal lebten, drang deshalb die Religion tiefer indas gewöhnliche Leben ein als es bei den Arabern der Fall war, wo nurbestimmte Gebiete ein heiliges Land waren, und die Wüste bisher weder vonGöttern noch von Menschen als Besitz beansprucht wurde.

Einige Beschränkungen, die an alten Heiligtümern in Geltung waren,haben wir bereits erwähnt; es wird indes nicht wertlos sein, sie näher indem neuen Lichte zu betrachten, das auf diesen Gegenstand fallt, sobald wirerkennen, dass alle derartigen Bestimmungen im letzten Grunde ihrem Wesennach die des Tabu sind. Das einfachste und allgemeinste dieser Tabu istdas, durch welches die Bäume des Temenos oder des himä und alles Natur-leben des Gebietes Schutz finden. In den höher entwickelten Formen dersemitischen Religion gilt der natürliche Wald bei einem Heiligtum bisweilenals von einem Gotte gepflanzt 10i) , womit diesem natürlich ein Eigentumsrechtam Walde zusteht. In den meisten Fällen aber gehören der Baum- undWaldcultus einer älteren Anschauung an, für die der Pflanzenwuchs an einemHeiligtum als mit einem Teil des göttlichen Lebens erfüllt gilt. Ebensoweit verbreitet und allem Anschein nach gleich ursprünglich ist die Be-stimmung, die Vögel, Rotwild und anderes Wild im Bereich des Heiligtumsvor jeder Schädigung schützt 200 . Diese wilden Tiere müssen mehr als Gäste

ist, wird für Arabien durch die Geschichte von Harb und Mirdäs veranschaulicht (s.

oben p. 93 f.). Hier geht die Gefahr noch von den Ginnen aus, die den Ort inne haben;aber auch wenn das Land bereits einem freundlichen Gotte gehört, sind Vorsichtsmass-regeln geboten, falls der Mensch zum ersten Male seine Hand an eine seiner natürlichenGaben legt. So assen die Hebräer die Frucht von neugepflanzten Bäumen erst imfünften Jahre; im ersten Jahre waren die Früchte Jahwe geweiht; der Ertrag der erstendrei Jahre war aberunbeschnitten", d. h. Tabu, und durfte überhaupt nicht gegessenwerden (Lev. 19, 2325). Eine ähnliche Vorstellung liegt den syrischen Ueberlieferungenvon einem Menschenopfer bei der Gründung von Städten zu Grunde (s. Malalas, ed.Bonn. pp. 37, 200, 203), die um nichts weniger lehrreich sind, wenn sie auch nicht hi-storisch zutreffend sind. In Arabien besteht noch heute der Brauch, dass der Ginn derOertlichkeit oder die Erddämonen fahl al-ard) durch Sprengen von Blut gnädig ge-stimmt werden, wenn ein Landstück zum ersten Male gepflügt wird, wenn ein neues.Haus gebaut oder ein neuer Brunnen gegraben wird (D oughty, Arabia Deserta I, 136;II, 100, 198. Wellhausen, Heidentum- p. 127). Kremer, Studien zur vergleich.Kulturgesch. II, p. 48. (Sitzungsber. der philos.-hist. Classe der Kaiserl. Akad. derWissensch. zu "Wien. 1890. Bd. 120) führt eine Stelle aus einer Schrift des Abu 'TJbeida,des besten Kenners des arabischen Altertums', an (bei Damiri, Hajät al-haüvän 1,241

s. v. ginn), aus der hervorgeht, dass solche den Ginnen dargebrachte Opfer ein alter,heidnischer Brauch waren.Der Prophet verbot es ausdrücklich; aber sein Verbotblieb gänzlich wirkungslos".

199) Die Cypressen bei Daphne waren von Heraides gepflanzt, s. Malalas,p. 204. Vergl. Ps. 104, 16.

200) Die Fälle bei Mekka und Wagg haben wir bereits angeführt; für den erstenvergl. die Verse bei Ibn Hisäm, p. 74, Z. 10 u. 11. Vögel fanden im Tempel zu Jeru-salem eine Zuflucht (Ps. 84, 4). Zu Curium auf Cypern, wo die Religion von semitischenElementen voll ist, wagten die Hunde nicht, das "Wild in den heiligen Hain zu ver-folgen. (Aelian, De natura animal. XI, 76t<xv -/.axacpÖYtüaiv ig to5 'AtcoXXwvoj ispov 4vxau9-o'. [sau dl &1ao£ (lsytatov] üXaxtoöat [iev oi xövsg, TtXrjatov 8s sX9-=Tv oüx. 5ra3(isvouatv").Derselbe Glaube bestand im Mittelalter in Verbindung mit der Moschee und dem Grabe

des Siddikä (Al-Sagara) in dem Gebirge östlich von Sidon (Mukaddasi, p. 188). Aufder heiligen Insel des Ikarus im persischen Meerbusen durften Ziegen und Gazellen nurfür Opfer benutzt werden (Arrian, Anab. VII, 20. §3 u. 4), oder der Jäger musste die