122 Viertes Kapitel. Die Beziehung des Menschen zu heiligen Stätten.
Leben notwendige Handlungen, die aber einen Bruch der ceremoniellen Heilig-keit bedeuteten, hatten nur zeitweilige Unreinheit und irgend eine ceremonielleHandlung der Reinigung zur Folge; andernfalls wurden sie überhaupt nach-gesehen, vorausgesetzt, dass sie in bestimmter Weise geschehen waren. InKanaan, wo das ganze Land heilig war, durfte der Jäger das Wild töten,wenn er das Leben dem Gotte dadurch zurückgab, dass er das Blut auf denErdboden ausgoss. Der geschlechtliche Verkehr, der in Tempeln und denKriegern im Feldzuge streng untersagt war, hatte im alltäglichen Leben nureine zeitweise Unreinheit zur Folge, die durch Waschung oder Räucherungbeseitigt wurde.
Die für den Verkehr der Geschlechter geltenden Tabu.
Herodot II, 64 sagt, dass fast alle Völker mit Ausnahme der Griechenund Aegypter „[iiayovTai ev lepolai xai cbio yuvawcwv ä.viazd\±evoi aXouxoieaepxovxat ig Eepov." Das ist ein gewichtiges Zeugnis für die von Griechenund Aegyptern geübte Sitte; aber die Behauptung über andere Völker istunzutreffend, wenigstens hinsichtlich der Semiten und anderer Völker Klein-asiens 101 , deren Religion vieles mit der ihrigen gemein hatte. Als Beweis-material kommt es auf dasselbe hinaus, ob uns berichtet wird, dass bestimmteHandlungen an einem Heiligtum überhaupt untersagt waren, oder dass den Pilgernan dem Heiligtum Beschränkungen auferlegt waren, oder dass niemand, nach-dem er sie begangen hatte, ohne Reinigung das Heiligtum betreten durfte.
Wir finden, dass bei den Arabern den Pilgern nach Mekka der ge-schlechtliche Verkehr verboten war. Die gleiche Bestimmung war bei denMinäern in Geltung im Zusammenhange mit dem heiligen Geschäft des Weih-rauch-Einsammelns 192 . Bei den Hebräern findet sich diese Einschränkung inVerbindung mit der Erscheinung Gottes am Sinai (Exod. 19, 15) und beidem Genuss des heiligen Brotes (1 Sam. 21, 6). Für den heidnischen Cultusbei Mamre ist das Gleiche durch Sozomenos bezeugt 103 . Herodot selbst be-richtet uns, dass unter den Babylonieni iind Arabern jedem ehelichen Verkehrnicht nur eine Waschung, sondern eine derartige Räucherung folgte, wie sienoch im Sudan gebräuchlich ist 104 . Diese Beschränkung richtet sich nichtgegen die Unsittlichkeit, denn sie kommt bei Ehegatten zur Anwendung;auch ist sie nicht aus asketischen Anschauungen entstanden, denn im Cultusder semitischen Gottheiten war die Prostitution eine häufige Erscheinung 105 .
Die Ausdehnung dieser Form des Tabu auf die an einem Feldzuge teil-
191) S. die Inschrift des Apollo Lermenus, Journ. Hell. Studies, VIII, 380 ff. Dieswar kein griechischer Cultus.
192) Plinius, Hist. nat. XII, 54.
193) Sozomenos, Hist. eccl. II, 4, 4:
r -up.ff>VTec; Se xöv xgtov Ttävxsg, t] Siä 9-£0[i7jvtas xaxffis ixa&siv cpuXaxxö|iSvoi, oüxe yuvaiglvsvö'äSs auvouaid^ouaiv".
194) Herod. I, 198 „öacbuj &v ii'.x*H) yuvaixl xfj eauxoö ävyjp BaßuXcövtos, Jtept 9-u|itvjnaxataYt^6|ievov i'tjet, exepüjS-t Ss ■») yuvy) xüjuxö touxo tioieei • Spfrpov Se ye^O[iB^ot} Xoüvxca xai&|j.cpiTEpoi. äyyeoz fä.p oüSevös ätjjovxoa Ttpiv äv Xouacovxai - xaüxä 3e xaöxa xa't "Apäßioi■rcoisüai".
195) Die Hierodulen verliessen allerdings den Bereich des Heiligtums. Herod. I, 199:sjrü) xoö ispoö. Vergl. damit Hosea 4, 14. Damit stimmt im Ausdruck auffallend übereinHamäsa, p. 599, v. 2.