Heiligkeit, Unreinheit und Tabu. WJ
geworden sind, würden für ihn in den gewöhnlichen Geschäften seines Lehensnicht mehr verwendbar sein" 175 .
Wenn ein Gewand mit dem Blute des Sündopfers befleckt wird, so kanndas Tabu, das durch Berührung mit heiligen Dingen bewirkt wird, ebensowie das auf Unreinheit beruhende Tabu, durch Waschung aufgehoben werden.Ebenso verunreinigt bei den Juden die Berührung eines heiligen Buches odereines Amuletts die Hände und erfordert eine Abwaschung. Der Hohepriesterwusch am Versöhnungstage seinen Körper nicht nur, wenn er die heiligen Ge-wänder des Tages anlegte, sondern auch, wenn er sie ablegte 170 . In barba-rischen Ländern werden solche Waschungen als eine physische Beseitigung desübertragbaren Princips des Tabu angesehen; alle symbolischen Deutungensind nur ein Versuch, das Festhalten am überlieferten Brauch auf einer höherenStufe der religiösen Entwickelung zu rechtfertigen.
Diese Beispiele werden genügen, um darzuthun, dass es unmöglich ist,die semitische Auffassung der Heiligkeit und der Unreinheit von dem Systemdes Tabu zu sondern. Da jedoch der Gegenstand an sich beachtenswert ist,sofern er vielleicht manche dunklen Gebräuche aufzuhellen vermag, so willich hier einige Bemerkungen über die an dem Heiligtum getragene Trachteinfügen, die freilich mehr den Charakter der Vermutung haben.
Dass die Priester, wenn sie cultische Functionen verrichten, eme be-sondere Kleidung tragen, ist ein sehr weit verbreiteter Brauch, der mit An-schauungen verknüpft ist, die erst bei der Darstellung des Opfers zu erörternsind 177 . Es ist jedoch sicher, dass ursprünglich jedermann sein eignerPriester war; und das in späterer Zeit von den Priestern beobachtete Ritualist nur eine Fortbildung dessen, was ursprünglich von allen Verehrern beob-achtet wurde. Hinsichtlich der Bekleidung war es ein alter und weitver-breiteter Brauch, zwischen der Kleidung des alltäglichen Lebens und der beifestlichen Gelegenheiten getragenen einen Unterschied zu machen. Wenn diealten Hebräer sich ihrem Gotte — bei einem Feste — nahten, so wuschensie entweder ihre Kleider (Exod. 19, 10) oder wechselten sie (Gen. 35, 2),d. h. sie legten ihre besten Kleider an, und die Frauen schmückten sich mitihrem Geschmeide (Hos. 2, 15) 178 .
Die Waschung geschieht ohne Zweifel, um etwa vorhandene Unreinigkeitzu beseitigen; der Wechsel der Kleider hat Gen. 35, 2 dieselbe Bedeutung.Aber die oben angeführten Beispiele zeigen auch, dass es ebenso notwendigwar, die Merkmale der Berührung mit der heiligen Stätte und heiligen Dingennicht mit in das gewöhnliche Leben zu nehmen, wie es wichtig war, in dasHeiligtum keine Unreinigkeit zu tragen. Da alle festlichen Gelegenheiten imAltertum zugleich heilige Anlässe waren, so darf man annehmen, dass diebesten Kleider auch heilige Kleider waren, die für festliche Zwecke bestimmtwaren. Sie wurden parfümiert (Gen. 15, 27), und Parfüm wird bei den
175) Nach diesem Grundsatz vielleicht wird jemand, der in ein himä eingedrungenist, damit bestraft, dass ihm die Kleider fortgenommen werden. Wellhausen, Mu-hammed in Medina, p. 385.
176) Lev. 16, 24; vergl. Tr. Joina, VIII, 4.
177) Besonders wichtig ist, dass oft das Fell des Opfers dem Verehrer als hei-lige Bekleidung diente. S. darüber Cap. XL
178) Vergl. damit den Bericht des Sozomenos, Hist. eccl. 11,4, über des Pestbei Mamre.