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Die Religion der Semiten
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Heiligkeit und Tabu. Hl

Bezeichnung zu haben, um sie von der späteren Ausbildung des Begriffs derHeiligkeit in höher entwickelten Religionen zu unterscheiden; man hat dafürden polynesischen Ausdruck Tabu gewählt 162 . Der Bereich, in dem unterbarbarischen und halbbarbarischen Völkern das Tabu zur Geltung kommt,ist sehr weit ausgedehnt; denn es giebt keine Lebenslage, in der sich derWilde nicht von geheimnisvollen Mächten umgeben fühlt und die Notwendig-keit vorsichtigen Verhaltens empfindet. Ueberdies gehören nicht alle Tabuder Religion im eigentlichen Sinne an, das heisst, sie sind nicht stets Ver-haltungsmassregeln für die Berührung des Menschen mit den Gottheiten, aufderen Wohlwollen er reclmen konnte, wenn er sich ihnen gegenüber richtig ver-hielt. In manchen Fällen erscheinen sie vielmehr als Vorkehrungen zum Schutzgegen den Angriff gefährlicher Feinde, gegen die Berührung mit bösen Geisternund dergleichen. Neben diesen Formen des Tabu, die genau den Regeln derHeiligkeit entsprechen, indem sie die Unverletzlichkeit der Götterbilder undHeiligtümer, der Priester und Häuptlinge und überhaupt aller Personen undDinge schützen, die zu den Göttern und ihrem Cultus in Beziehung stehen,finden wir noch eine andere Form des Tabu, die bei den Semiten ihre Paral-lele in den Gesetzen über die Unreinheit hat. Frauen nach der Geburt einesKindes, Personen, die mit einem toten Körper in Berührung gekommen sind,sind für eine gewisse Zeit Tabu und von der menschlichen Gemeinschaft aus-geschlossen, wie auch in der semitischen Religion solche Personen als unreingelten. Die dem Tabu unterworfene Person wird in diesen Fällen nicht als heiligbetrachtet; denn sie ist ebenso von der Annäherung an ein Heiligtum wie vonder Berührung mit Menschen ausgeschlossen. Aber ihr Zustand ist mit über-natürlichen Gefahren verknüpft, die nach der allgemeinen rohen Anschauung ihreErklärung darin finden, dass sie durch die Gegenwart böser Geister entstehen,die man wie eine ansteckende Krankheit flieht. Bei den meisten wilden Völkernscheinen die beiden eben bezeichneten Arten des Tabu nicht scharf unter-schieden zu werden. Selbst in höher entwickelten Völkern berühren sichvielfach die Begriffe der Heiligkeit und der Unreinheit. Bei den Syrern warz. B. das SchweinefleischTabu"; aber es war eine offene Frage, ob diesder Fall war, weil das Tier heilig oder weil es unrein war 163 . Aber wennauch der Unterschied zwischen dem, was heilig, und dem, was unrein ist,nicht scharf bestimmt war, so war er doch durchaus real. In den Gesetzender Heiligkeit ist die Ehrfurcht vor den Göttern das Motiv, in den Bestim-mungen über die Unreinheit ist es ursprünglich die Furcht vor einer unbe-kannten oder feindlichen Macht, obgleich zuletzt, wie wir in der levitischenGesetzgebung sehen, das Gesetz über Reinheit und Unreinheit unter dem

Solidarität ist das ganze Gemeinwesen durch das Vergehen eines seiner Mitgliedercompromittiert; es ist demgemäss verpflichtet, das Vergehen zu sühnen.

162) Eine gute Darstellung über das Tabu mit Angabe der besten Quellen, ausdenen man sich über diesen Gegenstand unterrichten kann, giebt J. G. Fr azer, En-cyclopaed. Britan. 9. ed. vol. XXIII, p. 15 ff.

163) Lucian, de dea syria, 54:oua? 8e |iouvxg ivayeag vojitjovcec; oüte 3-öoua'.oüte oiTsovtat. &XX01 6s iitaysag, äXXä cepoüj vopiigouai". Vergl. Antiphanes, beiAthenaeus, III, p. 95 f. (ed. Kaibel, Bd. I. p. 220. Fragm. Comic. Graec. ed. Meineke,Vol. III, p. 68).

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