100 Drittes Kapitel. Die Beziehungen der Gottheiten zu Naturdingen etc.
Dämonen, die an Pflanzen- oder Tierarten gebunden waren, noch lange nach-wirkt, nachdem die freundlichen bereits zu individuellen Göttern geworden waren,deren ursprüngliche Verbindung mit dem Totem fast verschwunden war. Aufder Stufe, die auch die rohesten semitischen Völker, wo sie uns zum erstenMale bekannt werden, erreicht hatten, wäre es thöricht, Beispiele von reinemund einfachem Totemismus finden zu wollen. Was wir zu finden erwartenkönnen, ist ein Nachwirken der -Totem-I d e e n in einzelnen Ueberresten in derForm besonderer Beziehungen zwischen gewissen Tierarten einerseits undgewissen Stämmen oder religiösen Gemeinschaften nebst ihren Göttern andrer-seits. An Zeugnissen dieser Art ist im semitischen Altertum kein Mangel.Ich führe nur einzelne direkte Zeugnisse für die Verwandtschaft oder Bruder-schaft zwischen menschlichen Gemeinschaften und Tierarten an. Ibn al-Mugäwir erzählt, dass, als die Banu Härith, ein südarabischer Stamm, einetote Gazelle fanden, sie dieselbe wuschen, in Leinwand einwickelten und be-gruben und dass der ganze Stamm sieben Tage um sie trauerte U1 . Das Tierwurde wie ein Mensch begraben und als Stammesgenosse betrauert U2 . Beiden Arabern des Sinai ist der wahr (Kaninchen) der Bruder des Menschen,und es heisst, dass, wer sein Fleisch isst, niemals Vater und Mutter wieder-sieht. In den Mysterienculten der Harranier erkennen die Gläubigen Hunde,Raben und Ameisen als ihre Brüder an liS . Zu Baalbek wurde der Gott, derder Vorvater der Stadt war, der yevvatos, in Gestalt eines Löwen verehrt 144 .An dem Ufer des Euphrat gab es eine Art kiemer Schlangen, die Fremdeangriffen, aber Eingeborene nicht belästigten, ganz genau ebenso, wie manes von einem Totemtier annimmt 146 .
Waren die ältesten Heiligtümer der Götter ursprünglich die Sitze einerVielheit von ginnen oder von Tieren, denen dämonische Attribute beigelegtwurden, so sollte man erwarten, dass man auch in späteren Zeiten irgendeine Spur von der Vorstellung fände, dass die heiligen Stätten nicht von einemeinzigen Gott, sondern von einer Mehrzahl heiliger Inhaber bewohnt würden.Wenn sich die Beziehung zwischen der Gemeinschaft der Verehrer unddem Heiligtum bereits auf der Stufe des Totemismus gebildet hatte, als dieheiligen Bewohner gewiss noch Tiere waren, so konnten sich alle Tiere un-gestört in dem heiligen Bezirke vermehren, und der individuelle Gott desHeiligtums, falls ein solches Wesen bereits aus der unbestimmten Vielheitder Totemgeschöpfe ausgesondert war, könnte doch der Vater und Beschützeraller Tiere seiner eignen Art sein. Dem entsprechend finden wir, dass semitischeHeiligtümer verschiedenen Arten von heiligen Tieren ein Obdach gewährten,so den Tauben der Astarte, den Gazellen zu Tabäla und Mekka. Aber, abge-sehen hiervon, können wir vielleicht Spuren der unbestimmten Vielheit in derVorstellung von der Gottheit in ihrer Verbindung mit besonderen Arten darin
141) Sprenger, Postrouten, p. 151.
142) Aehnlich berichtet S u h a i 1 i in seinem Commentar zu Ibn Hisäm (ed. Wüsten-f'eld, II, 41 f.) von mehr als einem Beispiel, wo ein orthodoxer Muslim eine tote Schlangein ein Stück seines Gewandes wickelte und sie begrub. In diesem Falle war die Schlange
„ein gläubiger ginn", eine Deutung, die erfunden ist, um eine Handlung primitivenAberglaubens zu rechtfertigen. Vergl. D amiri, I, 233. [Wellhausen, Heidentum -', 153.
143) Mimst, p. 326, Z. 27.
144) D amas cius, Vita Isid. §203. Vergl. 7133*13 „leontopodion". Low,Aram. Pflanzennamen, p. 406; G. Hoffmann, Phöniz. Inschriften, p. 27.
145) (Aristoteles), Ilspi S-au|iaoiiov dxouapidimv, p. 149 f.