Der Totemismus bei den Semiten. 99
Einer der seltsamsten abergläubischen Bräuche in Syrien ist folgender:Wenn in einen Garten Raupen eingedrungen sind, so kommen Mädchen zu-sammen ; eine einzige Raupe wird genommen, und eines der Mädchen wird zuderen Mutter bestimmt. Das Tier wird dann beklagt und begraben, und dieMutter wird unter Trauerklagen an die Stätte geführt, wo die übrigen Raupensitzen. (Jakob v. Ed., Quaest. 44.) Dann werden sämtliche Raupen verschwinden.Dabei wird offenbar vorausgesetzt, dass die Ranpen das zu ihren Gunsten aufge-führte Spiel verstanden und davon beeinflusst wurden. Die syrischen Märchen desTur 'Abdln, die Prym und Socin gesammelt haben, sind voll von Tieren mit dä-monischen Kräften. In diesen Geschichten bildet jede Tierart eine eigene,organisierte Gemeinschaft; sie reden und handeln wie die Menschen, haben aberübernatürliche Kräfte und stehen in engen Beziehungen zu den Ginnen, dieauch in diesen Märchen erscheinen. Endlich mag noch bemerkt werden, dassder allgemein-semitische Glaube an Vorzeichen und Anweisungen, die vonTieren gegeben werden, demselben Ideerikreise angehört. Die Omina sindnicht zufällige Zeichen, die Tiere wissen was sie dem Menschen sagen.
Warum aber finden sich keine direkten und entscheidenden Zeugnissefür den Totemismus der Semiten? Spuren der alten rohen Naturanschauung,die dem Totemismus entsprechen, treten in der semitischen Vorstellung vonden Dämonen noch deutlich hervor. Bei rohen Völkern ist aber diese An-schauung gewöhnlich mit dem Glauben verbunden, dass ein Geschlecht vonDämonen — oder genauer eine Art von Pflanzen oder Tieren mit dämonischenEigenschaften — durch Verwandtschaft mit irgend einer Genossenschaft vonMenschen verbunden ist. Wie aber stimmt dies mit dem Thatbestand in Arabienüberein, wo alle Dämonen oder dämonischen Tiere gewöhnlich als Feinde desMenschen erscheinen? Die allgemeine Lösung dieser Schwierigkeit liegt darin,dass Totems oder freundliche dämonische Wesen sich schnell zu Göttern ent-wickeln, sobald sich die Menschen über den Zustand reiner Barbarei erheben.Eeindliche Wesen dagegen, die ausserhalb des Bereiches eines organisch ge-stalteten Menschenlebens stehen, werden von dem socialen Fortschritt nichtunmittelbar beeinflusst und behaupten ihren ursprünglichen Charakter unver-ändert. Wenn die Menschen von der Annahme ausgingen, dass sie mit einerbestimmten Tierart gleichen Blutes seien, so musste jeder Fortschritt in derArt, wie sie über sich selbst dachten, auf ihre Vorstellungen von heiligenTieren zurückwirken. Sobald sie ihren Gott als den Vorfahren ihres Stammesbetrachteten, mussten sie ihn auch als den Vorfahren ihres Totemtieres ansehen;soweit wir sehen, stellten sie sich ihn dann in Gestalt eines Tieres vor. DerGott zog dann auf seine Person die Verehrung, die allen Tieren der Totem-Art erwiesen zu werden pflegte, oder die Verehrung, die ihnen dargebrachtwird, wird wenigstens von dem Cultus des Gottes abhängig gemacht. Derin Tiergestalt vorgestellte Gott wird endlich, da er als dämonisches Wesenviele menschliche Eigenschaften hat, in einen anthropomorphen Gott ver-wandelt, und seine Beziehungen zu den Tieren treten ganz zurück. Bei dendämonischen Tieren jedoch, die ausserhalb der menschlichen Gemeinschaftstehen, kann derartiges nicht eintreten. Sie bleiben, wie sie sind, bis dieweitere Entwickelung der Aufklärung — die bei der grossen Masse jederRasse langsam fortschreitet — sie allmählich ihrer übernatürlichen Eigen-schaften entkleidet. So ist es denn natürlich, dass der Glaube an feindliche
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