Der Totemismus bei den Semiten. 97
der Semiten ursprünglich Totems waren, d. h. dass Beziehungen bestimmtermenschlicher Gemeinschaften zu bestimmten Gruppen von Naturmächten be-standen, bevor diese Naturmächte aufgehört hatten, mit Pflanzen- oder Tier-arten unmittelbar identifiziert zu werden. Wenn jedoch meine Darstellungdes Wesens der ginnen zutreffend ist, so kann der Schluss, dass die Semiteneinmal die Stufe des Totemismus durchlebten, nur durch die Annahme um-gangen werden, dass sie eine Ausnahme von der allgemeinen Eegel bilden,dass auch die primitivsten Barbaren nicht nur Feinde, sondern auch bleibende Ver-bündete — worunter auf dieser alten Stufe der Gemeinschaft notwendig Ver-wandte zu verstehen sind — unter den nicht-menschlichen oder übermenschlichenbeseelten Wesen haben, von denen die Welt bevölkert ist. Diese Voraus-setzung ist indes so schwer haltbar, dass niemand zu ihrer Annahme bereitsein wird. Andrerseits kann mit grösserer Wahrscheinlichkeit gefolgert werden,dass der Totemismus, wenn er überhaupt jemals bestand, verschwand, sobalddie Semiten aus der Barbarei heraustraten, und dass die Religion der Rasseauf ihren höheren Culturstufen auf davon völlig unabhängigen Grundlagenberuhte. Ob diese Hypothese annehmbar ist oder nicht, muss sich aus einerUntersuchung des höheren Heidentums ergeben. Wenn die religiösen Riten,Bräuche und Vorstellungen von den rohen Anschauungen, wie von der reinbarbarischen Naturauffassung, in der der Totemismus nur eine Anschauungs-weise ist, wirklich unabhängig sind, so ist die Hypothese berechtigt. Sieist indes nicht zulässig, wenn das höher entwickelte Heidentum selbst in allenseinen Zügen von rohen Vorstellungen durchsetzt ist, wenn sein Cultus undseine Institutionen mit rohen Bräuchen und Institutionen der totemistischenForm in engstem Zusammenhang stehen. Dass das letztere der thatsächlicheZustand ist, wird im Verlauf unserer weiteren Untersuchung über die Er-scheinungen der semitischen Religion unverkennbar hervortreten. Ein wesent-licher Schritt, um den Nachweis dafür zu erbringen, ist bereits gethan, sobald wir erkannt haben, dass die Heiligtümer der semitischen Welt ihrem!natürlichen Charakter nach mit den Sitzen der ginnen identisch waren, sodass!die Götter hinsichtlich ihrer localen Beziehungen als an die Stelle der Pflanzenund Tierdämonen getreten aufzufassen sind.
Die Bedeutung, die ich dem Glauben der Araber an Ginnen beilege, so-fern er uns auf den Ursprung der localen Heiligtümer zurückfuhrt, könnteübertrieben scheinen, da die angeführten Thatsachen nur einem Kreise dessemitischen Bereiches entnommen sind. Man könnte fragen: worin liegt derBeweis dafür, dass diese arabischen Vorstellungen der gemeinsemitischen, re-ligiösen Anschauung angehören ? — Darauf ist zunächst zu erwidern, dasssich durch die Analyse der arabischen Vorstellung keine Züge finden lassen,die ihr eigentümlich wären. Es ist die gewöhnliche Anschauung aller rohenVölker und enthält Vorstellungen, die nur dem rohen Denken eigen sind. DieAnnahme, dass sie in Arabien aus besonderen und localen Ursachen nach derTrennung von den übrigen Semiten entstanden sind, widerspricht aller Wahr-scheinlichkeit. — Sodann entspricht das wenige, was wir über koboldartigeWesen bei den Nordsemiten wissen, vollständig den arabischen Thatsachen.Aus der Religion der Hebräer waren die Dämonen verdrängt und im altenTestament erscheinen sie kaum ausser in poetischer Darstellung. Aber die
Smith, Religion. '