96 Drittes Kapitel. Die Beziehungen der Gottheiten zu Naturclingen etc.
Der Ursprung heiliger Stätten.
Wenden wir uns nunmehr von den Sitzen der Dämonen zu den eigent-lichen Heiligtümern, den Sitzen bekannter und freundlicher Mächte, mit denendie Menschen feste Beziehungen unterhalten, so finden wir, dass die Wohn-sitze der Götter hinsichtlich ihres natürlichen Charakters den Sitzen der Dä-monen durchaus gleichen. Es sind Berge und Waldesdickicht, fruchtbare Ortean einer Quelle oder einem Strom, bisweilen auch Punkte, die durch eineneinzigen, berühmten Baum bezeichnet sind. Als die Menschen in die Wildniseindrangen und auch diese Orte in den Bereich ihres täglichen Lebens undTreibens zogen, verloren sie ihren Schrecken, aber nicht ihre übernatürlichenBeziehungen. Die freundlichen Götter nahmen die Stelle der gefürchtetenDämonen ein. Der daraus zu ziehende Schluss liegt auf der Hand: die na-türlichen Merkmale, die für eine heilige Stätte als bestimmend galten, sindnicht durch Annahmen zu erklären, die sich auf eine höher entwickelte Formdes Heidentums gründen, sondern müssen als aus den primitiven Vor-stellungen des rohen Menschen übernommen betrachtet werden. Nicht dieNatur des Gottes bestimmte die Stätte seines Heiligtums, sondern umgekehrthatten die natürlichen Merkmale des Heiligtums einen wesentlichen Anteildaran, die Entwicklung der Vorstellungen von der Wirksamkeit des Gotteszu bestimmen. Wie dies möglich war, haben wir bei der Vorstellung von denlocalen Baalim gesehen. Die natürliche Fruchtbarkeit von wasserreichen Ge-bieten hatte bereits übernatürliche Beziehungen, als der Gedanke, sie durchCultivierung dem Menschen dienstbar zu machen, noch nicht aufgetreten warund als die reichen Thalgründe in abergläubischer Furcht als Sitze furcht-barer, natürlicher Feinde gemieden wurden. Wie diese Furcht zuerst durch-brochen und die Umwandlung bestimmter Gruppen feindlicher Dämonen infreundliche und verwandte Mächte zuerst bewirkt wurde, vermögen wir nichtdarzustellen; wir können nur sagen, dass diese Umgestaltung vermittelstdes Totemismus bereits in den primitivsten Gemeinschaften der Wilden voll-zogen wurde und dass sich kein Zeugnis für eine Stufe in der menschlichenGesellschaft findet, auf der nicht jede menschliche Gemeinschaft den Anspruchauf Verwandtschaft und Verbindung mit irgend einer Klasse oder Art vonlebendigen Mächten der Natur erhob. Sobald wir aber diesen entscheidendenSchritt als gesichert annehmen, so ergiebt sich die weitere Entwickelung desVerhältnisses der Götter zum Lande mit einer Art natürlicher Notwendigkeit.Die Umgestaltung der unbestimmten, freundlichen Mächte, die die Stätten desNaturlebens inne hatten, in die wohlthätigen Baalim des Ackerbaus, die Herrendes Landes und seiner Gewässer, die allen, die in ihm wohnen, Leben undFruchtbarkeit spenden, geht naturgemäss Hand in Hand mit der Entwickelungdes Ackerbaus und der Ausbildung der Gesetze der Ackerbau treibendenGemeinschaft.
Der Totemismus bei den Semiten.
Ich habe diese Beweise in einer Weise darzustellen versucht, bei derwir nicht voreilig auf die Hypothese eingehen, dass die freundlichen Mächte