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Die Religion der Semiten
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Die rohen "Vorstellungen vom Uebematürlichen. 95

sehen und in der muhammedanischen Sage von dem Krater Barahüt im Hadra-maut, dessen Donner für die Seufzer der verlorenen Seelen gehalten wurden 138 ;vielleicht auch in der Sage von demFeuer Jemens", im Thale von Darawän,das in heidnischen Zeiten als Gottesgericht gedient haben soll, indem esden Schuldigen verschlang und den Unschuldigen verschonte 334 . Die giftigenDämpfe, die ausserdem aus Schluchten in der Erde emporstiegen, wurden alsWirkungen mächtiger Geister angesehen 136 . Aber weit entlegene Erscheinungen,wie die Bewegungen der Sterne, oder ungewöhnliche Erscheinungen, wie z. B.vulkanische, wirken auf die rohe Vorstellung des Menschen weniger stark ein alsDinge seiner irdischen Umgebung und des täglichen Lebens, die für ihn nichtweniger geheimnisvoll sind und sein gewöhnliches Leben näher berühren. Esscheint eine irrtümliche Annahme zu sein, dass es entlegene und ungewöhnlicheDinge sind, nach denen der primitive Mensch seine allgemeinen Anschauungenvom Wesen des Uebematürlichen bildet. Vielmehr deutet er das Entlegenenach dem ihm näher liegenden, indem er z. B. die Himmelskörper als Men-schen oder Tiere, die den beseelten Bewohnern der Erde gleichen, auffasst 1S(i .Von allen unbeseelten Dingen hat für die Semiten die am meisten hervortreten-den übernatürlichen Eigenschaften das fliessende oderlebende" Wasser. Ineinem der ältesten Bruchstücke der hebräischen Poesie wird eine Quelle alsein lebendes Wesen angeredet 137 . Heilige Quellen gehören bei allen Semitenzu den ältesten und unaustilgbarsten Objecten der Verehrung; man glaubtevon ihnen, dass sie als Orakel zu wirken vermochten und ein Willensvermögenhätten, vermöge dessen sie dargebotene Opfer annähmen oder zurückwiesen.Natürlich nehmen diese Vorstellungen oft die Gestalt des Glaubens an, dassdie heilige Quelle der Wohnsitz von Wesen sei, die von Zeit zu Zeit in mensch-licher oder tierischer Gestalt aus ihr emporsteigen; die Grundidee ist aber,dass das Wasser selbst der lebendige Organismus eines dämonischen Lebenssei, nicht bloss eine tote Substanz 138 .

133) S. Jäküt, I, 598. de Goeje, De valle Hadramaut, p. 20. (Rev. Col. In-tern. 1886). Beruht dieser Glaube vielleicht auf einem alten Mythus , der sich an denNamen Hadramaut selbst knüpft ? s. Olshausen, Rhein. Museum. Ser. 3. Bd. VIII,p. 322; Sitzungsber.^der Berlin. Akad. 1879, p. 571 ff.

134) Ibn HiJäm, p. 17 mit dem Commentar ; Bekri, p. 621; Jäküt, III, 470.Jäküt beschreibt das Thal als verflucht; keine Pflanze wuchs dort, kein Mensch konntees durchschreiten, kein Vogel flog über dasselbe hin.

135) Man wird annehmen können, dass man an den Zorn der Ginnen über dieVerletzung ihrer Wohnsitze, wie er in der Geschichte von Harb und Mirdäs hervortritt,nicht so fest geglaubt hätte, wenn nicht dazu die Thatsache den Anlass gebildet hätte,

dass solche Stätten, die als von Ginnen bewohnt galten, auch Sitze des Fiebers sind,das besonders dann auftritt, wenn ein Land zum erstenmal urbar gemacht wird. Nachder muhammedanischen Ueberlieferung bestimmte der Prophet die hochgelegenen Ge-biete fguls) die gläubigen Ginnen, die Niederung fghaurj für die ungläubigen. Dieletzten sind in Arabien die Heimstätten von Fieber und Seuche. Damiri, I, 231.

136) S. Lang, Myth, Ritual and Religion. Cap. 5. Bei den Semiten scheinender Cultus der Sonne, des Mondes und der Sterne in den ältesten Zeiten nicht sehrverbreitet gewesen zu sein. Bei den Hebräern findet sich kaum eine Spur davon, bevorsich der assyrische Einfluss geltend macht [Zeph. 1, 5. Jer. 19, 13]. In Arabien hater keineswegs die Ausdehnung, wie man zuweilen annahm, s. Wellhausen, Heiden-tum, p. 173 ff.

137) Num. 21, 17 ff.Quelle auf, o Brunnen! Singt ihm zu!"

138) Näheres über heilige Wasser bei den Semiten in Kap. 5.