Druckschrift 
Die Religion der Semiten
Seite
94
Einzelbild herunterladen
 

94 Drittes Kapitel. Die Beziehungen der Gottheiten zu Naturdingen etc.

Feuer an ihren Wohnsitz gelegt hatten" 12 °. Die Geister der Bäume nehmenhier Schlangengestalt an, wenn sie ihre natürlichen Sitze verlassen; ähnlichsind nach dem muhammedanischen Glauben die Ginnen des usr und der harn ataSchlangen, die Bäume dieser Art bewohnen. Ursprünglich aber hat dasübernatürliche Leben und die übernatürliche Kraft ihren Sitz in den Bäumenselbst, die als beseelt und sogar als vernunftbegabt gelten. Muslim b.Ukba vernahm im Traume die Stimme des garlcud-Stvaiiches, die ihn zumFührer der Armee des Jezid gegen Medina bestimmte 130 . Oder die Kraftdes Harzes der Akazie (samiira) als Amulet ist mit der Vorstellung verbun-den, dass es ein Klumpen Menstrualblutes Qiaiä) ist, d. h. dass der Baum alsWeib gedacht wird 1S1 . In ähnlicher Weise haben die alten hebräischen Fabelnvon Bäumen, die sprechen und wie menschliche Wesen handeln, ihre ursprüng-liche Quelle in der rohen Personifikation der Pflanzenwelt (Rieht. 9, 8 ff.IL Kön. 14, 9).

Die rohen Vorstellungen vom Uebernatürlichen.

Es ist im ganzen nicht unzutreffend, wenn man sagt, dass die alten Se-miten überall dort das Uebernatürliche erblickten, wo das innere Leben derNatur sich in besonders starker Weise äussert. Das ist aber nur die eineSeite des Richtigen, auf der anderen Seite gilt auch, dass das Uebernatürlichein der ursprünglichen, rohen Weise vorgestellt und einer Art menschlichenLebens gleichgestellt wurde, das man verschiedenen Arten der Tiere und Pflan-zen und selbst unorganischen Dingen beilegte.

In der That legen gewisse Erscheinungen der unorganischen Natur demprimitiven Denken unmittelbar die Vorstellung von einer lebenden Kraft, dieGegenwart eines lebendig wirkenden Wesens nahe. Um ein gewöhnliches Bei-spiel zu wählen, so verbanden die Araber des Mittelalters eine bestimmteKlasse von Dämonen mit den Sandstürmen und legten den Namen zawäbi 1 'ohne Unterschied diesen Naturerscheinungen wie den ginnen bei, die sie be-gleiten oder verursachen 132 . Wichtiger ist der weitverbreitete Glaube, dass sichdie Sterne bewegen, weil sie lebende Wesen sind, welcher Glaube die Grundlagedes Planeten- und Sternbildercultus der Semiten wie anderer alter Völker bildet.Ebenso werden vulkanische Erscheinungen als Offenbarungen eines überna-türlichen Lebens betrachtet, wie wir in den griechischen Mythen von Typhoeus

129) Agh. VI, 92. XX, 135 f.

130) Agh. I, 14.

131) Rasmussen, Additamenta, p. 71. Zamahsari, Asäs, s. ^^

Neugeborenen Kindern wird der Kopf mit dem Harz eingerieben, um die ginnen zuvertreiben, ebenso "wie sie das Blut des 'akika genannten Opfers benutzen, um sich da-mit zu bestreichen, (s. K i n s h i p , p. 152.) Das Menstrualblut hat bei allen Rassenübernatürliche Kräfte, und die Kraft des Hasenfusses als Amulet beruhte auf dem Glauben,dass dies Tier menstruiere (Rasmussen, 1. c. 71). Das gleiche wurde von der Hyäne,hehauptet, die manche magische Eigenschaften hatte und zum Menschen in besondernBeziehungen stand (K i n s h i p, p. 199).

132) S. die Lexika und Jähiz , citiert von vanVloten, WZKM. VII, 180. Ineinzelnen arabischen Sagen werden die stürmischen Bewegungen der Sandwinde als sicht-bare Zeichen eines Kampfes zwischen zwei Stämmen der ginnen gedeutet, s. Ihn Hiiam,II, 42. Jäküt, III, 478.