Die Sitze der Ginnen. 93
dass die Menschen liier am meisten geneigt sind, die Gegenwart göttlicheroder doch übermenschlicher Mächte anzunehmen. Eine so allgemeine Erklä-rung ist jedoch nicht ausreichend. Die ursprüngliche Religion war kein philo-sophischer Pantheismus, und die ursprünglichen Gottheiten waren nicht derunbestimmte Ausdruck für das -Gesetz des Naturlebens. Wir haben eine Er-klärung für,, die Thatsache zu suchen, dass solche Orte, an denen das Lebender Natur am kräftigsten hervortritt — oder vielmehr einige solcher Orte —dem primitiven Semiten als Sitze, nicht abstracter göttlicher Mächte, sondernsehr concreter, greifbarer Wesen erscheinen, die mit den einzelnen Eigen-schaften ausgestattet sind, wie wir sie auch den Ginnen beigelegt fanden,ferner, dass diese Vorstellung nicht auf ganz allgemeinen Eindrücken beruhte,sondern durch Beziehung auf thatsächliche Erscheinungen dämonischer Wesenbegründet wurde. Das gewöhnliche, allgemeine Gerede von einer instinctivenEmpfindung für die Gegenwart der Gottheit in den Aeusserungen des Natur-lebens bringt uns dem Verständnis dieser Vorstellungen nicht im mindestennäher; dagegen ist es bedeutsam, dass Orte von natürlicher Fruchtbarkeit,die der Mensch niemals berührt und die sein Fuss selten betreten hatte, diebevorzugten Sitze der wilden Tiere sind, dass alle rohen Völker wilden Tierendie gleichen übernatürlichen Eigenschaften beilegen, wie sie die Araber denginnen zuschreiben, und dass die Araber von Bakkär als einer durch seineDämonen berühmten Stätte in ebenso selbstverständlicher Weise sprachen,wie von A1 - S a r ä und seinen berühmten Löwen.
Während die bezeichnendsten Eigenschaften der ginnen offenbar vonTieren entlehnt sind, muss man dessen eingedenk bleiben, dass die rohe Phan-tasie, die allen Wesen der beseelten Natur übernatürliche Kräfte beilegt, denBereich des beseelten Lebens in sehr freier Weise ausdehnt. Als Totem wer-den nicht selten Bäume angenommen, die für ihre Anhänger alles das zu leistenscheinen, was ein tierischer Totem zu thun vermag. Dass Bäume beseelt seien,Empfindungsvermögen hätten, Schmerzen fühlten und eine vernunftbegabteSeele hätten, wurde auch von alten, griechischen Philosophen aus solchenErscheinungen, wie ihrem Schwanken im Winde und der Beweglichkeit ihrerZweige geschlossen 127 . Während die Beziehungen von Höhlen und Wäldernzu übernatürlichen Wesen hinreichend dadurch erklärt zu sein scheinen, dasssie die gewöhnlichen Lagerstätten der wilden Tiere sind, erscheint es als daswahrscheinliche, dass die Verbindung gewisser Arten der ginnen mit Bäumenin vielen Fällen als ursprünglich anzusehen ist, indem die Bäume selbst alsbeseelte, dämonische Wesen angesehen wurden. In Hadramaut ist es heute nochgefährlich, die empfindliche Mimose zu berühren, da der in der Pflanze woh-nende Geist das Unrecht rächen wird 128 . Die gleiche Vorstellung begegnetuns in der Erzählung von Harb b. Umajja und Mirdäs b. Abi 'Amir, ge-schichtlichen Persönlichkeiten, die der Generation vor Muhammad angehören.Als diese beiden ein unzugängliches, wildes Dickicht in Brand steckten in derAbsicht, es zu cultivieren, entflohen daraus die Dämonen der Stätte in Gestaltweisser Schlangen unter kläglichem Geschrei, die Eindringenden aber starbenbald darauf. Man nahm an, dass die ginnen sie erschlagen hätten, „weil sie
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127) Aristoteles, De plantis I, 815. Plutarch, Plac. Philos. V, 26.
128) Wrede, Reise in Hadhramaut, p. 131.