92 Drittes Kapitel. Die Beziehungen der Gottheiten zu Naturdingen etc.
verschiedene Tierarten eng mit einander verbunden sind, während sie in älterenSagen thatsächlich identifiziert werden, dass mithin von den Ginnen nichtserzählt wird, was barbarische Völker nicht auch von Tieren berichten. DiesenThatsachen gegenüber gehört ein übertriebener Skepticismus dazu, um zu be-zweifeln, dass die mit allen geheimnisvollen Kräften ausgestatteten Ginnennichts anderes sind als mehr oder weniger umgestaltete Vertreter von Tier-arten, die mit übernatürlichen Eigenschaften ausgerüstet sind, wie sie fürdie rohe Anschauung mit lebenden Wesen untrennbar verbunden sind. EineArt der Ginnen, die durch Verwandtschaft mit einem menschlichen Stammeverbunden sind, würden von einem Totemwesen nicht zu unterscheiden sein;und anstatt die Ginnen Götter ohne Verehrer zu nennen, dürfen wir sie zu-treffender als Totems ohne menschliche Verwandtschaft bezeichnen. DieseAuffassung von der Natur der Ginnen ermöglicht uns das Verständnis desGrundsatzes, nach dem bestimmte Orte als ihre Sitze galten. In den uner-messlichen Einöden der arabischen Wüste wird jedes unbekannte Geräuschleicht als Geflüster der Ginnen aufgefasst, jede fremdartige Wahrnehmunggilt als eine dämonische Erscheinung. Wenn aber gewisse Orte als ihrehauptsächlichsten Sitze bestimmt waren, so müssen wir annehmen, dass Er-scheinungen und Töne, die für übernatürlich gehalten wurden, dort häufigerwaren als anderswo. Die blosse Phantasie vermochte zwar das übernatürlicheAnsehen einer Stätte lebendig zu erhalten, in ihrem Ursprung aber mussdie zügellose Einbildungskraft des Barbaren irgend einen Berührungspunktmit der Wirklichkeit gehabt haben. Die nächtlichen Erscheinungen undTöne, die den Wanderer in von Dämonen bewohnten Gebieten erschrecken,Erzählungen über Jäger, die in ein als gefahrvoll verrufenes Gebirge gezogenwaren und von der Ghul entführt waren, beziehen sich unverkennbar auf vonGeistern bewohnte Stätten, in denen gefährliche Tiere bei Nacht umherschweiften.Während ferner die Ginnen im allgemeinen öde und wüste Stätten aufsuchen,sind ihre besonderen Sitze gerade solche Orte, wo sich wilde Tiere zahlreichversammeln — nicht die dürre und leblose Wüste, sondern Lichtungen undPässe in Gebirgen, die Nachbarschaft von Bäumen und Gehölzen, besonders un-zugängliches Dickicht, das im Grunde von Thälern an feuchten Orten wächst l2 °.
Die Sitze der Ginnen.
Gewiss sind das Stätten, an denen das innere Leben der Natur am leb-haftesten in allen seinen Formen hervortritt; es ist somit selbstverständlich,
126) Ueber die Verbindung der ginnen mit der natürlichen Wildnis vergl. Well-hausen, Heidentum, p. 136. In Südarabien wird das natürliche Dickicht noch heuteals der Sitz wilder Tiere gemieden. Kein Araber verbringt freiwillig eine Nacht imWadi MaHSa, weil in seinem Dickicht manche Arten von Raubtieren hausen, v. Wrede,Heise in Hadhramaut, p. 131). Damit können die Löwen von Al-Sarä und im Jordandickicht(Sach. 11, 3) verglichen werden. Auch muss man daran denken, dass im Zustande desculturlosen Lebens, wo der Kampf des Menschen mit wilden Tieren ein solcher auf Lebenund Tod war, die mit solchen Oertlichkeiten verbundene Furcht verzehnfacht wurde. Auchin der alten muhammedanischen Litteratur ist noch kein scharfer Unterschied zwischen
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der von wilden Tieren und der von Ginnen drohenden Gefahr gemacht. S. oben p. 86Anm. 114.