90 Drittes Kapitel. Die Beziehungen der Gottheiten zu Naturdingen etc.
von der Tierwelt. Jede Tierart wird als eine organisierte Verwandtschaft be-trachtet , die durch die Bande des Blutes und die Sitte der Blutrache ver-bunden ist, die jedem Angriff einen einheitlichen Widerstand entgegensetzt,wenn ein solcher von Menschen gegen eines ihrer Glieder unternommen war.Im arabischen Ginnenglauben ist es ebenso wie in dem rohen Tieraberglaubenweit mehr diese Solidarität unter den Gliedern einer Gattung als die Machtdes einzelnen Ginnen oder Tieres, die sie zu Gegenständen abergläubischerFurcht macht.
Diese einzelnen Punkte in der Aehnlichkeit der Ginnen in Arabien undder Tiergattungen unter rohen Völkern sind schon auffallend genug, aber sieerschöpfen noch nicht annähernd den Thatbestand. Wir haben bereits ge-sehen, dass die Ginnen den Menschen gewöhnlich in Tiergestalt erscheinen,obwohl sie auch menschliche Gestalt anzunehmen vermögen. Dieser letzte Zugkann indes für die arabische Anschauung nicht als ein solcher gelten, dereinen fundamentalen Unterschied zwischen ihnen und den gewöhnlichen Tierenbegründet; denn unter den Arabern bestand auch der Glaube, dass ganzemenschliche Stammesgemeinschaften Tiergestalt anzunehmen vermöchten. Imallgemeinen aber erhellt, dass sich die übernatürliche Macht der Ginnen vonder, die rohe Völker auf der Stufe des Totemismus wilden Tieren zuschreiben,überhaupt nicht unterscheidet. Auf geheimnisvolle Weise erscheinen und ver-schwinden sie, übernatürliche Stimmen, warnende Rufe, unerklärliche Krank-heit und Tod werden mit ihnen ebenso wie mit Totem-Tieren in Verbindunggebracht. Gewöhnlich treten sie zu den Menschen in freundliche Beziehungen,sie gehen sogar Ehen mit Menschen ein; aber die Sagen wilder Völker be-richten das gleiche auch von Tieren. Ein Wahnsinniger endlich ist von einemGinn besessen (daher magnün); es finden sich aber auch zahlreiche Beispielefür den Glauben, dass die Seele eines Tieres in einen Menschen übergegangenist 119 . Die uns überlieferten Erzählungen von Ginnen stammen aus einer Zeit,wo die Araber nicht mehr reine Barbaren waren und bereits aufgehört hatten,den meisten Tieren dämonische Eigenschaften beizulegen. Wenn unsere Be-richterstatter Erzählungen von Tieren, die mit menschlicher Rede oder über-natürlichen Fähigkeiten begabt sind, wiedergeben, so halten sie es für etwasnatürliches, dass es nicht gewöhnliche Tiere, sondern eine besondere Klassevon Wesen sind. Die Geschichten selbst aber sind genau dieselben, wie siebarbarische Völker von wirklichen Tieren erzählen. Die Fehde zwischen demBanu Sahm und dem Ginn von Dhü Tawä ist ein Krieg zwischen Menschenund allen kriechenden Tieren, die, wie im alten Testament, einen gemeinsamenNamen haben 120 und als eine einzige Gattung oder ein Geschlecht betrachtetwerden. Auch „das wilde Tier von den wilden Tieren der Ginnen", das Taab-bata Sarran bei einem nächtlichen Zusammentreffen erlegte und unter demArm heimbrachte, war ein ganz concretes Tier 121 . Die den Ginnen eigene
119) Diese Anschauung liegt in Dan. 4, 13 vor.
!20) arab. hanas [hebr. itfn}] ist — pU> od. !WS> Die Erzählung bei Azräkip. 261 ff. Wellhausen, Heident. pV 138 [154] v
121) Agh. XVIII, 210—212. Taabbata Sarran, einer der berühmtesten arabischenRecken, ist eine historische Person; der Vorfall ist wahrscheinlich eine Thatsache. Aus