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Die Religion der Semiten
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Der Totemismus. 89

wie beseelte Wesen ausgedehnt werden. Die statistisch feststellbaren That-sachen des Totemismus zeigen, dass die Naturobjecte, mit denen sich die roheVorstellung am meisten beschäftigte, die verschiedenen Arten der Tiere waren.Mit ihnen steht der Mensch vorzugsweise in dauernden, freundlichen oderfeindlichen Beziehungen. Sie sind im besonderen Masse der Mittelpunkt seinerabergläubischen Hoffnungen, Befürchtungen und Bräuche.

Indem wir uns diese Thatsachen vergegenwärtigen, können wir dem arabi-schen Ginn wieder unsere Betrachtung zuwenden. Wir haben bereits einen Unter-schied zwischen Göttern und Ginnen festgestellt: die Götter gemessen die reli-giöse Verehrung ihrer Anhänger, die Ginnen finden solche nicht. Lides be-steht noch ein wesentlicher Unterschied, der hier unsere Aufmerksamkeit er-fordert, darin, dass die Götter eine ausgeprägte Individualität haben, die denGinnen fehlt. Allerdings begegnen uns in den MärchenTausend und eineNacht" Ginnen, die individualisierende Namen tragen und als persönlich be-stimmte Wesen erscheinen, aber in den alten Sagen ist der einzelne Ginn,wo ein solcher etwa dem Menschen entgegentritt, ebensowenig zu einer be-stimmten Persönlichkeit ausgestaltet wie die Tiere no . Er ist nur ein Ein-zelner einer Klasse von Wesen, die der Mensch nicht von einander zu unter-scheiden vermag, die wie man glaubt ein Volk oder einen Stamm über-menschlicher Wesen bilden 117 , eine besondere Oertlichkeit bewohnen und untereinander durch das Band der Verwandtschaft und den Brauch der Blutrachevereinigt sind, sodass die Gesamtheit ihre Wohnsitze gegen das Eindringender Menschen gemeinsam verteidigt oder jede Unbill an den Menschen rächt,die einem ihrer Glieder zugefügt worden ist 118 . Diese Vorstellung der vonden Ginnen gebildeten Gemeinschaften entspricht genau der rohen Anschauung

116) Zur Veranschaulichung dessen mag der Hinweis auf eine sprachliche Er-scheinung dienen, die interessant, aber wenig beachtet ist. Man sagt im Arabischennicht ,ei«e Ghül erschien" sondern v die Ghül erschien", ebenso wie David sagtderLöwe und der Bär kam" (I. Sam. 17, 84. Arnos 3, 12. 5, 19). Hier wird der bestimmteArtikel gebraucht , weil eine weitergehende Bestimmung als die Bezeichnung der Artnicht möglich ist. Die Einzelwesen sind nur numerisch verschieden, aber qualitativvon einander nicht zu unterscheiden. Dieser Gebrauch des Artikels ist genau zu unter-scheiden von Fällen wie t£"X,1 (I. Sam. 9, 9), wo der Artikel im generellen Sinne steht,indem ein allgemein geübter Brauch der Menschen erwähnt wird. Ebenso ist es inFällen wie tfl^BH (Gen. 14, 13), rWtti, DU bi», wo das Nomen in Wirklichkeit ein Verbal-adjektiv ist, das eine Handlung ausdrückt und die Person durch die ihr zugeschriebeneHandlung bestimmt wird.

117) Eine Localsage über zwei Stämme der ginnen, der Banu Mälik und derBanu Saisabän erzählt J ä k ü t, III, 476 ff. Es ist eine Erzählung rein beduinischerHerkunft, aber wie die meisten späteren Geschichten dieser Art nicht rein mythisch,sondern eine freie Erfindung im Anschluss an die gangbare religiöse Anschauung. Der

älteste Fall, wo ein Stamm der ginnen mit einem Patronymicon, und nicht bloss miteinem localen Namen bezeichnet ist, sind vielleicht die B anu Uk ais, s. Nabiga, 29, 10;Ihn Hisäm, rj. 282. Indes nennt Tha'lab die B. Ukais als einen menschlichen Stamm,

und die Worte des Näbiga stimmen zu dieser Auffassung völlig. Ginnen mit Personen-namen erschienen in einzelnen Traditionen über den Propheten, soweit ich aber zu sehenvermag nur in solchen, dieschwach", d. h. unecht sind.

118) Für die Blutrache der ginnen ist das klassische Beispiel das bei A z r a ki, p. 261,"Vergl. auch Damiri, s. v. arham (Vol. I, p. 23), wo wir erfahren, dass einer, der einenSchlangendämon erschlagen hat, sterben musste oder wahnsinnig wurde, und dass diesfür die Blutrache galt, die der Stamm des Erschlagenen nahm. [s. Wellhausen,Heidentum -, p. 149.]