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Die Religion der Semiten
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88 Drittes Kapitel. Die Beziehungen der Gottheiten zu Naturdingen etc.

gend einer Tierart. Jedes Tier der betreffenden Art wird als Bruder betrachtet,und es wird ihm die gleiche Ehre wie einem menschlichen Stammesgenossenerwiesen, wie man auch glaubt, dass es seinen menschlichen Verwandten durchmancherlei freundliche Dienste helfe. Die Bedeutsamkeit einer solchen, aufdas unlösliche Band der Verwandtschaft begründeten Verbindung mit einerganzen Gruppe von Naturwesen, die nicht der Menschheit angehören, darfnicht nach Massgabe unserer Anschauungen darüber, was Tiere zu thun odernicht zu thun vermögen, bemessen werden. Denn da ihre Natur ganz unvoll-kommen bekannt ist, so verleiht ihnen die rohe Phantasie alle wunderbarenEigenschaften. Ersichtlich ist, dass sich ihre Kräfte und Fähigkeiten vondenen des Menschen unterscheiden; so nimmt man denn an, dass sie mancheszu thun vermögen, was nicht in der Macht des Menschen steht. In der Thatwerden ihnen Gaben beigelegt, die wir als übernatürliche bezeichnen müssen,und die mit den Fälligkeiten übereinstimmen, die vom Heidentum den Götternzugeschrieben werden; sie werden z. B. mit der Fähigkeit, Vorzeichen undOrakel zu geben oder Krankheiten zu heilen und dergl. ausgestattet.

Der Ursprung des Totemismus ist ebenso sehr ein Problem wie der Ur-sprung der Localgötter. Es ist aber im höchsten Grade unwahrscheinlich,dass beide Anschauungen von einander unabhängig sind, denn in beiden Fällenist die Erscheinung, die eine Erklärung finden soll, die Befreiung der mensch-lichen Gemeinschaft von der Furcht vor bestimmten natürlichen Mächtendurch die Ausgestaltung der Anschauung von einer natürlichen Verbindungund Verwandtschaft zwischen beiden Teilen. Grosse Schwierigkeiten stehender Annahme entgegen, dass eine so auffallende Anschauung wie diese, dieüberall auf der Erde verbreitet ist und sich unter rohen Völkern stets in derGestalt des Totemismus darstellt, unter solchen Rassen, die wir nur auf einerhöheren Entwickelungsstufe des Gemeinwesens kennen, einen ganz anderen,von jener Grundanschauung unabhängigen Ursprung haben soll. Der Glaubean locale Naturgottheiten, die zugleich Stammesgötter sind, braucht sich nichtunmittelbar aus einem älteren Totemismus entwickelt zu haben; aber ein be-gründeter Zweifel ist nicht dagegen geltend gemacht worden, dass er sichaus Vorstellungen oder Bräuchen entwickelt hat, die auch im Totemismuszum Ausdruck kommen. Sie müssen daher in den primitivsten Zustand roherVerhältnisse zurückreichen. Es ist von Wichtigkeit, dies in der Erinnerungzu behalten, um wenigstens gegenüber der Deutung primitiver religiöser Ver-hältnisse durch Vorstellungen, die einer höher entwickelten Stufe des mensch-lischen Denkens angehören, beständig zur Vorsicht gemahnt zu sein. Aberder Vergleich mit dem Totemismus vermag unsere Untersuchung auch positivzu fördern, denn er lenkt unsere Aufmerksamkeit auf gewisse Formen desältesten Denkens, die über einzelne Punkte in der Auffassung der localenHeiligtümer Licht verbreiten.

Im Totemismus stehen die Menschen nicht zu individuellen Mächten derNatur, d. h. zu Göttern, in Beziehung, sondern zu bestimmten Klassen natür-licher Grössen. Es liegt ihm die Anschauung zu Grunde, dass auch die Dingeder Natur, wie die Menschheit, in Gruppen oder Gemeinschaften gegliedertsind, die den durch Verwandtschaft bestimmten Gruppen der menschlichen^Ge-meinschaft entsprechen. Die Vorstellung, dass ein dem menschlichen Lebenanaloges Leben alle Teile der Welt durchdringt, kann leicht auf unbeseelte