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Die Religion der Semiten
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Der Totemismus. 87

die zu der übernatürlichen Welt in besonderen Beziehungen stand, nicht alsSitz unbekannter Daemonen, sondern als die heilige Stätte eines bekanntenGottes betrachtet wurde. Diese Anschauung war unter den alten Hebräern dievorherrschende, wie sie auch unter ihren kanaanitischen Nachbarn unfraglichallgemein verbreitet war. Bis zu einem gewissen Punkte macht es keinebesonderen Schwierigkeiten, den Entwicklungsgang, der sich in alledem dar-stellt, zu verfolgen. Es ist ein naheliegender Schluss, dass die Mächte, dieein Gebiet imie haben, in dem Menschen leben und gedeihen, freundlich sind.Nicht so leicht aber lässt sich erkennen, wie die unbestimmte Vorstellung vonübernatürlichen, jedoch wohlwollend gesinnten Nachbarn in die schärfer be-grenzte Vorstellung von einer bestimmten localen Gottheit übergeht, oder wiesich die unbedenklich durchgeführte Identifizierung der localen Macht mitdem Stammesgotte des Gemeinwesens vollzieht. Wie wir sahen, hat derStammesgott bestimmte und dauernde Beziehungen zu seinen Anhängern, dievon ganz anderer Art sind, als die eben erörterten localen Beziehungen. Erist ihnen nicht nur ein befreundeter Nachbar, sondern wenigstens in denmeisten Fällen ihr Stammesgenosse und der Erzeuger ihres Volkes. Wiehat es sich zugetragen, dass der Vater einer menschlichen Volksgemeinschaftmit dem übernatürlichen Wesen identifiziert wurde, das eine bestimmte Stätteinne hatte und sich durch sichtbare Erscheinungen oder andere Erweise seinerAnwesenheit, wie sie dem ungebildeten Denken genügten, bekundete ? DieseIdentifizierung ist jedenfalls von ausserordentlicher Bedeutung; denn sie schafftein festes Verhältnis zwischen dem Menschen und gewissen Teilen der natür-lichen Welt, die seinem Willen und seiner Herrschaft nicht unterworfen sind,und hebt damit seine Stellung in der Ordnung des Weltalls, indem sie ihnwenn auch nur in gewissen Schranken, von dem quälenden Gefühl beständigerUnsicherheit und unbestimmter Furcht vor unbekannten Mächten befreit, dieihn von allen Seiten umgeben. Ein so bedeutsamer Schritt in der Befreiungdes Menschen von der Gebundenheit an die natürliche Umgebung kann sichnicht schnell vollzogen haben und ist durch ein einfaches Verfahren a prioriüberhaupt nicht zu erklären. Es ist ein Problem, das sich nicht ohne weitereslösen lässt, sondern im Verlaufe unserer weiteren Untersuchungen noch einersorgfältigen Erwägung bedarf.

Der Totemismus.

Eines mag indes hier sogleich bemerkt werden. Wir haben gesehen,dass durch die Localgottheit, die einerseits zu einem Stamme, andererseits zueinem bestimmten Naturbereich in festen Beziehungen steht, auch ihre An-hänger in eine feste und dauernde Verbindung mit bestimmten Teilen ihrernatürlichen Umgebung kommen, die nicht ihrem Willen oder ihrer Herrschaftunterworfen sind. Genau das Gleiche wird, wenn auch innerhalb etwas engererGrenzen, bereits auf der ältesten Stufe des rohen Gemeinwesens erreicht,und zwar in einer Weise, die nicht einmal den Glauben an einen individuellenStammesgott erfordert, durch die Institution des Totemismus. 'In der tote-mistischen Periode der menschlichen Gemeinschaft hält sich jede Sippe oderjeder Stamm für natürlich verwandt mit irgend einer Art von beseelten oderunbeseelten Wesen; am häufigsten ist der Glaube an Verwandtschaft mit ir-