86 Drittes Kapitel. Die Beziehungen der Gottheiten zu Naturdingen etc.
ist. Man kann in der That sagen, class die Erde zwischen Daemonen undwilden Tieren einerseits, Göttern und Menschen andrerseits geteilt ist 11 *.Jenen gehören die unzugängliche Wildnis mit all ihren unbekannten Gefahren,die Einöden und das Dickicht, die von den gewöhnlichen Wegen und denWeidegebieten des Stammes abseits liegen, und nur die kühnsten Heldennehmen es ohne Furcht mit ihnen auf. Den Göttern hingegen gehören dieGebiete, welche die Menschen kennen und gewöhnlich besuchen, innerhalbderer sie fest begründete Beziehungen nicht nur zu ihren menschlichen Nach-barn haben, sondern auch zu den übernatürlichen Mächten, die ihre Wohn-sitze dort unmittelbar neben ihnen haben. Und wie die Menschen allmählichin die Wildnis eindringen und die wilden Tiere vor sich her zurückdrängen,so vertreiben die Götter in ähnlicher Weise die Daemonen, und Orte, dieeinst als Wohnsitze geheimnisvoller und böser Mächte gefürchtet waren, ver-loren ihren Schrecken und wurden entweder zu gemeinsamem Culturlandeoder verwandelten sich in die Sitze befreundeter Gottheiten. Bei dieser Auf-fassung wird die Anerkennung bestimmter Stätten als Sitze der Götter derreligiöse Ausdruck für die fortschreitende Unterwerfung der Natur durch denMenschen. Bei der Eroberung des Erdreichs für sich hat der primitiveMensch nicht nur mit äusseren Schwierigkeiten zu kämpfen, sondern auchmit abergläubischer Furcht vor dem Unbekannten , die seine Energie lähmtund ihn hindert, seine Kraft frei zu entfalten, um die Natur seinen Zweckendienstbar zu machen. Wo die unbekannten daemonischen Mächte herrschen,fürchtet er sich, seinen Fuss hinzusetzen und sich die Gaben der Natur zueigen zu machen. Wo aber der Gott seinen Wohnsitz hat, ist er in Freundes-land und hat einen Beschützer nahe zur Hand; die geheimnisvollen Mächteder Natur sind seine Verbündeten statt seine Feinde: „Denn mit des FeldesSteinen ist er im Bunde, und die wilden Tiere sind mit ihm befreundet 116 .Der Sieg der Götter über die Dämonen, wie der des Menschen über die wil-den Tiere, kann nur ganz schrittweise errungen worden sein; als endgültig ge-sichert und bestätigt aber erscheint er nur auf der Stufe des Ackerbaus, wo derGott der Gemeinschaft zugleich der höchste Herr des Landes und der Urheber allerseiner Güter wurde. Mit der Erreichung dieser Stufe waren die Daemonen —oder die übernatürlichen Wesen, die mit ihren menschlichen Nachbarn nichtin bestimmten Beziehungen standen — entweder in die Wüste an öde, unbe-tretene Stätte vertrieben, oder sie waren von ganz geringer Bedeutung ge-worden als durchaus untergeordnete Wesen, auf die etwa noch persönlicherAberglaube Rücksicht nahm, die aber in der' öffentlichen Volksreligion keineStelle mehr einnahmen. In einem Gebiete, das eine Gemeinschaft von Men-schen inne hatte, war der Gott der Gemeinschaft der Gebieter; jedes als über-natürlich erscheinende Zeichen wurde gewöhnlich auf sein Eingreifen zurück-geführt und galt als Zeichen semer persönlichen Gegenwart oder der Anwesen-heit seiner Boten und Beauftragten. Die Folge davon war, dass jede Stätte,
114) Die enge Verbindung zwischen Dämonen und wilden Tieren ist in einem Commen-tar zu 1 b n H i s ä m (II, 9. Z. 20, 23) gut veranschaulicht, wo wilde Tiere und Schlangenrings um eine Ruine hausen, und wer versucht, irgend etwas aus ihr fortzutragen, wird
von einem Ginn angefallen.
115) Hiob 5, 23. Die Anspielung auf die wilden Tiere ist bezeichnend. Vergl.Hos. 2, 18. IL Kön. 17, 26. Eine arabische Parallele dazu bietet IbnSa'd, No. 145.Vergl. die Bemerkung Wellhausens, Skizzen und Vorarbeiten IV, 194.