Die Ginnen. 85
haben irgend eine Tiergestalt, wie die des Stransses oder der Schlange. IhreLeiber sind keine Scheingebilde, denn wenn ein Ginn getötet worden ist,bleibt ein wirklicher Körper zurück; aber sie gebieten über gewisse geheimnis-volle Kräfte, die ihnen ermöglichen, zu erscheinen und zu verschwinden oderihre Gestalt zu verwandeln, um zeitweise eine menschliche Gestalt anzunehmen.Wenn sie beleidigt werden, vermögen sie sich auf übernatürliche Weise zurächen, indem sie Krankheit oder Wahnsinn senden. Wie die wilden Tierehaben sie für gewöhnlich weder freundliche noch dauernde Beziehungen zuden Menschen, sondern stehen ausserhalb der menschlichen Gemeinschaft undhausen an wilden und einsamen Stätten, die kaum je ein menschlicher Fussbetritt 112 . Aus mehreren poetischen Stellen des alten Testaments ist ersicht-lich, dass die Nordsemiten den Glauben an Daemonen ganz ähnlicher Artteilten; erwähnt werden die seirlm , behaarte Wesen in Bocksgestalt, undNachtgespenster (lllltli) , die in Gemeinschaft mit Schakalen und Straussenund andern Tieren, die den Aufenthalt der Menschen meiden, wüste undeinsame Stätten bewohnen 113 .
Im Islam sind die Götter des Heidentums zu Ginnen erniedrigt, wie dieGötter des nordsemitischen Heidentums in Lev. 17, 7 seirlm genannt werden,oder wie die Götter der Griechen und Römer für die alten Christen zu Dae-monen wurden. In allen diesen Fällen waren die Anhänger einer höher ent-wickelten Religion nicht entschlossen, die Realität der Heidengötter zu leugnenoder zu bestreiten, dass sie die Thaten-vollbracht hatten, die von ihnen be-richtet wurden. Der Unterschied zwischen Göttern und Daemonen liegt nichtin ihrer Natur oder Macht — denn die Heiden selbst dachten ihre Götternicht als allmächtig — sondern in ihrem Verhältnis zum Menschen. DerGinn konnte in den roheren Formen des Heidentums immerinn als ein Gotterscheinen, sobald er nur einen Kreis menschlicher Unterthanen und Verehrerhatte. Umgekehrt konnte ein Gott, der seine Anhänger verlor, auf die Stufeder Daemonen herabsinken, als ein Wesen von unbestimmter und schwanken-der Macht, das, ohne bestimmte Beziehungen zu den Menschen zu haben, imganzen als feindlich zu betrachten ist. Die Daemonen haben, wie die Götter,ihre besondern Sitze, die als furchtbar und gefährlich gelten. Aber der Sitzeines Ginn unterscheidet sich von einem Heiligtum ebenso wie sich die Ginnenselbst von den Göttern unterscheiden. Der eine wird gefürchtet und gemieden,während man sich den Göttern zwar nicht ohne Scheu, aber doch mit Hoff-nung und Vertrauen naht. Obgleich zwischen Göttern und Daemonen keinwesentlicher Unterschied hinsichtlich ihrer Natur besteht, bleibt doch derfundamentale innere Unterschied, dass die Ginnen Fremde und somit — nachdem Gesetz des Wüstenlebens — Feinde sind, während der Gott den Ver-ehrern, die sein Heiligtum besuchen, eine bekannte und freundliche Macht
112) Gewisse Arten von ihnen hausen auch auf Bäumen und selbst in mensch-liehen Wohnungen; sie werden mit den Schlangen identifiziert, die in Gemäuer undunter den Wurzeln von Bäumen oft so geheimnisvoll hervorkommen und verschwinden.S. N ö 1 d e k e, Zeitschr. für Völkerpsychologie, 1860, p. 412 ff. W e 11 h a u s e n, Heiden-tum, 137 [151 ff.]. Ueber Schlangen als Gestalt der ginnen von Bäumen s. Rasmussen,Additamenta, p. 71. Vgl. Gauhari und Lisän s. v. -b*-==-.113) Jes. 13, 21. 34, 14; vergl. Luk. 11, 24.