84 Drittes Kapitel. Die Beziehungen der Gottheiten zu Naturdingen etc.
wickelt sich das heilige Gebiet allmählich zum Besitz des Gottes, und diebesonderen heiligen Punkte innerhalb desselben werden seine Tempel. Ur-sprünglich ist aber das erstere nur ein Berg oder eine Lichtung in unzugäng-licher Wildnis; die letzteren sind nur durch irgend ein natürliches Mal, wiedurch eine Höhle, einen Felsen, eine Quelle oder einen Baum, bezeichneteOertlichkeiten in der Wüste.
Wenn ein Heiligtum entstanden war, so genügte die blosse Macht derUeberlieferung und des Herkommens, die beständige Gewohnheit der dort An-betenden, um seine Eigenart zu bewahren. Bei den weiter ausgebildeten Cul-tusstätten waren der Tempel, das Gottesbild, der ganze für die cultischenHandlungen erforderliche Apparat, die von den Priestern erzählten Wunder-geschichten und alles Wunderbare, was sich vor den Blicken der Gläubigenentfaltete, einer unkritischen Zeit ein hinlänglicher Beweis für den Glauben,dass die Stätte in der That ein Sitz des Gottes sei. Bei den meisten primi-tiven Cultusstätten fehlten indes solche künstlichen Hilfsmittel, um dieGlaubensvorstellungen zu bestätigen; und es ist keineswegs leicht, sich denProcess vorzustellen, durch den der überlieferte Glaube, dass ein Ort in derWildnis das heilige Gebiet einer besonderen Gottheit sei, fest begründet wurde.Wie wir sahen, liegt der letzte Beweis dafür, dass eine Gottheit eine bestimmteStätte besucht, in der Thatsache, dass sie sich dort offenbart; entsprechendder Häufigkeit dieser Offenbarungen wird auch der Beweis verstärkt. DieseArt des Beweises ist nicht von so grosser Schwierigkeit, wie es für unsereAnschauung zunächst erscheint. Die Vorstellung einer sichtbaren Offenbarungder Gottheit als eines thatsächlichen Ereignisses ist für unsere Anschauungsweiseschwer vollziehbar; aber bei allen primitiven Völkern ist der Glaube an häufigeGotteserscheinungen verbreitet, oder wenigstens werden häufige Gelegenheitenzu persönlichem Verkehr zwischen Menschen und übermenschlichen Mächtenangenommen. Wenn die ganze Natur von geheimnisvollen und unbekann-ten Kräften erfüllt ist, so wird jeder natürliche Gegenstand oder Vorfall,der mächtig auf die Phantasie einwirkt oder die Empfindungen der Scheuund Ehrfurcht erweckt, leicht als eine Offenbarung göttlichen oder dämonischenLebens aufgefasst. Aber ein übernatürliches Wesen ist als solches noch nichtein Gott; es wird ein Gott nur, wenn es in feste Beziehungen zum Menschenoder vielmehr zu einer menschlichen Gemeinschaft tritt.
v
Die Ginnen.
Nach dem Glauben der heidnischen Araber ist die Natur von Lebewesenübermenschlicher Art, den Ginnen oder Daemonen, erfüllt 111 . Die Ginnensind keine rein geistigen, sondern körperliche Wesen , die mehr Tieren alsMenschen gleichen; denn sie werden gewöhnlich als behaart gedacht oder
III) Die Einzelheiten über die ginnen für die alte Zeit s. bei Wellhaus en, Heiden-tum, p. 135 f. [148—159]. Die spätere Form des Glaubens an solche Wesen, die durch denEinfluss des Islam wesentlich umgestaltet sind, ist von L a n e näher dargestellt in Note 21der Einleitung zu seiner Uebersetzung der „1001 Nacht". In der alten Uebersetzung derMärchen heissen sie genii. Vergl. van Vloten, WZKM. 1893, p. 169 ff. aus Al-Jähiz.
— Dass das arabische Wort ginn kein Lehnwort ist, wofür man es bisweilen gehaltenhat, ist von N ö 1 d e k e , ZDMG-. 41, 717 nachgewiesen worden.