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Die Religion der Semiten
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80 Drittes Kapitel. Die Beziehungen der Gottheiten zu Naturdingen etc.

Zelte aufgiebt und feste Wohnstätten zu errichten lernt. Indes giebt es auchHeiligtümer ohne Tempel. Aber auch bei diesen hatte der Gott seinen Schatzin einer Höhle und einen Priester, der für sein Besitztum sorgte; denn dieMeinung, dass der Priester als ein von der Welt geschiedener Einsiedler lebte,entbehrt jeder Begründung. Aus alledem ergiebt sich die Annahme, dass zurZeit des Muhammad fast jede heilige Stätte einen kleinen Mittelpunkt füransässiges, Ackerbau treibendes Leben bildete und damit ein Ausgangspunktvon Anschauungen wurde, die den sie besuchenden rein nomadischen Verehrernfremd waren 109 .

Die Wohnungen oder Sitze der Götter.

Das Ergebnis unserer Untersuchung ist, dass die Vorstellung von der Local-gottheit als Ba'al oder Herrn des Landes, als Quelle seiner Fruchtbarkeit undSpender aller Lebensgüter, deren sich seine Einwohner erfreuen, mit der Ent-wickelung eines auf Ackerbau begründeten Gemeinwesens aufs engste zusam-menhängt und eine Reihe von Anschauungen einschliesst, die dem culturlosenJäger oder dem nur Viehzucht treibenden Nomaden unbekannt waren. Wirhaben aber auch gesehen, dass der Begriff „Land des Baal" ursprünglich aufbestimmte, bevorzugte Stätten beschränkt war, die als vom Gotte selbst an-gepflanzt und getränkt galten und als sein Wohnsitz angesehen wurden. DieVorstellung vom Lande des Gottes erscheint so nur als eine weitere und derEntwicklung eines auf Ackerbau beruhenden Culturlebens entsprechende Aus-gestaltung der ursprünglichen Idee, dass der Gott eine besondere Stätte odereinen Sitz auf Erden hatte. Die Verhältnisse des Ackerbaus legten demMenschen nahe, diese Stätte als Garten Gottes zu betrachten, der von derHand der Gottheit cultiviert und befruchtet wurde; aber es war nicht derAckerbau an sich, der die Anschauung ausbildete, dass gewisse Stätten diebesondern Sitze übernatürlicher Mächte seien. TEs ist die allgemeine Anschau-ung des Altertums und bedarf keiner weiteren Erörterung, dass die Götternicht allgegenwärtig, sondern an die Schranken der Zeit und des Baumes ge-bunden sind, und dass sie sich mir dort bethätigen können, wo sie selbst oderihre Boten zugegen sind. Nirgends geht das menschliche Denken von trans-cendentalen Ideen aus oder beginnt mit der Vorstellung von Grössen, die überRaum und Zeit erhaben sind. Wie aber auch die Natur der Götter sein

109) In Arabien lebt oft ein Teil des Stammes nomadisch, während der andereAckerbau treibt; aber trotz ihrer Verwandtschaft fühlen sich beide Teile im Leben wiein ihrer Anschauungsweise als einander sehr fernstehend, und ein nomadisches Weibweigert sich oft, bei einem ansässigen Ehegatten zu bleiben. In diesem Zusammenhangerfordern die Ueberlieferungen über den fremden Ursprung des mekkanischen Cultusmehr Beachtung, als ihnen gewöhnlich zu teil geworden ist, wiewohl nicht in der Rich-tung von Dozys Anschauungen.T"Dem Geist der Wüstenstämme war die Religion derStädte fremd, und mit ihren alten nomadischen Bräuchen stand sie vielfach in Wider-spruch. Ueberdies hatte sie, wie wir sahen, wahrscheinlich von vornherein durchsyrische und nabatäische Einflüsse ihre Färbung erhalten. Trotzdem übte sie eine grosseAnziehung, besonders indem sie sich an das sinnliche Empfinden in der Natur des Be-duinen wandte. Die religiösen Feste verbanden sich mit Messen, die Cultusstätten wurdenMärkte, wo Freude und laute Lustbarkeit herrschten. Man begann bald, in ihnen dieSumme der Religion zu sehen , und der Cultus der Götter verlor immer mehr seinenZusammenhang mit dem täglichen Leben wie mit den Sitten, die mit der Heiligkeit derVerwandtschaft verknüpft waren, die einst den wesentlichsten Teü der nomadischen Re-ligion gebildet hatten, s. Wellhausen, Heidentum, p. 182 [216].