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Die Religion der Semiten
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78 Drittes Kapitel. Die Beziehungen der Gottheiten zu Naturdingen etc.

als Pilger besuchten, nicht um dem Herrn des Landes, von dem sie ihr Lebenherleiteten, eine feststehende cultische Verehrung zu erweisen, sondern umgelegentliche Gelübde zu erfüllen. Zum grössten Teil bezieht sich unsereKenntnis der arabischen Culte auf Wallfahrten und Besuche der Beduinen,wodurch der Eindruck hervorgerufen wird, dass alle Opfer nur Gelübde waren,und dass eine feste Abgabe von den Erträgen des Landes, wie solche denlocalen Baalim in den Culturländern dargebracht wurde, unbekannt war.Dieser Eindruck ist indes nicht völlig zutreffend. Aus dem Qoran (Sure 6,V. 137) und anderen Quellen haben wir hinreichende Zeugnisse dafür, dassdie sesshaften Araber dem Gotte eine regelmässige Abgabe von ihren Feldernentrichteten, besonders dadurch, dass sie ihm einen bestimmten Anteil desbewässerten und bebauten Gebietes abgrenzten 105 . Hinsichtlich der sesshaftenAraber ist der Parallelismus mit den übrigen Semiten also vollständig. Dieeinzige Frage ist, ob die Baalculte und der Baal selbst zugleich mit demAckerbau von den Nordsemiten entlehnt waren.

Ich bin persönlich geneigt, diese Frage in bejahendem Sinne zu beant-worten ; denn im arabischen Sprachgebrauch des Wortes ba l l und seiner Ab-leitungen findet sich nichts, das mit der Ansicht unvereinbar wäre, dass sieihren Ursprung in den cultivierten Oasen hatten, hingegen vieles, was dieseMeinung sehr begünstigt. Der Ausdruck „Land, welches der Ba'al tränkt"bezeichnet nicht einen Gegensatz zu dem Lande, das von Menschenhand be-wässert wird, und die Bewässerung ist sicher nicht älter als der Ackerbau.Zweifelhaft ist aber, ob die Auffassung der Gottheit als dauernder oder im-manenter Quelle des Lebens und der Fruchtbarkeit — eine von dem Glauben,dass der Gott der Vorfahr seiner Verehrer sei, durchaus verschiedene Vor-stellung — in der alten Stammesreligion der nomadischen Araber eine Stättehatte. Dem Nomaden, der die Bewässerung nicht ausübt, gilt der Regen, derdem Weidelande der Wüste Leben spendet, als Quelle des Lebens und derFruchtbarkeit; und es giebt kein Zeugnis dafür, dass der Regen den Stammes-gottheiten zugeschrieben wurde. Der Araber betrachtet den Regen als vonder Stellung der Gestirne, d. h. von den Jahreszeiten, abhängig, die auf alleStämme eines ausgedehnten Gebietes in gleicher Weise zutreffen. Wenn dieRegengüsse vom Himmel einem Gotte zugeschrieben wurden, so war dieserGott Allah, die höchste Gottheit, und nicht ein Stammesgott loc . Bemerkens-

105) In betreff dieses Punktes ist der Thatbestand durch ein altes Missverständ-nis der KoransteUe verdunkelt worden: „ Sie brachten Allah einen Teil der Feldfrüchteoder des Viehs, das er geschalten hat, dar und sagten „dies gehört Allah" — wie siemeinen — „und dies gehört unsern Genossen" (d. h. den Götzen). Aber was für die Götzenbestimmt ist, erhält Allah nicht, und was für Allah bestimmt ist, bekommen in Wahrheitdie Götzen". Es ist klar, dass der Heide, ohne einen Unterschied zu machen sagte:„dies gehört Allah", indem er den localen Gott meint. Wellhausen, Heidentum,p. 185), und Muhammad behauptet dagegen — wie Hosea es thut, wenn er von demCultus redet, den seine Zeitgenossen den localen Baalim erweisen, die sie mit Jahweidentifizieren — dass das eigentliche Object ihrer Verehrung ein falscher Gott sei, wäh-rend sie von „Allah" oder „Hubal" reden. Die traditionelle Deutung der Stelle ist aber,dass ein Teil des Opfers für den obersten Gott Allah, ein anderer für die Götzen hin-gelegt wurde. Diese Entstellung hat alle arabischen Berichte über das, was die Araberwirklich thaten, beeinflusst; denn die geschichtliche Ueberlieferung musste natürlichnach dem Koran verbessert werden.

106) Wellhausen, Heidentum p. 175. Vergl. Ibn S a ' d, No. 80. Diwan derHudhailiten, 113, 18. Ebenso ist zu bemerken, dass Regen nicht eine der Wohlthatenist, die zu 'Arafa erbeten wurden (Agh. III, 4; vergl. XIX, 132, 6), obgleich Zaubereien,