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Die Religion der Semiten
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Die Ba'alim als Herrn des Wassers. 75

semitischen Gesamtbereiches besonders im Stromlande des Euphrat undTigris, der Kornkammer des alten Orients ist der Ackerbau so vollständigvon der Bewässerung abhängig, dass sie allein hinreicht, um alles Culturlandunter die Botmässigkeit der Götter zu bringen, die aus dem Reichtum unterir-discher Gewässer Quellen und Ströme hervortreten lassen, um das tote Land zubeleben, und die damit die Schöpfer alles Wachstums und aller Fruchtbar-keit werden. In Palästina hingegen erwachsen die Getreideernten, die eineHauptquelle des durch den Ackerbau gewonnenen Wohlstandes bilden, imganzen ohne künstliche Bewässerung, da das Land durch den Regen allein ge-tränkt wird. Noch zu Hoseas Zeit (um 750) wurden die ersten Garben desGetreides an den Cultusstätten der Baalim dargebracht, die mithin in Kanaansowohl als Spender des Regens wie als Herren der Gewässer der Erde galten.Die Erklärung dieser Erscheinung ist in der uneingeschränkten Anwendungder Analogie zu suchen, die für das Denken des Altertums bezeichnend ist.Die Anschauung, dass die Baalim die Schöpfer aller Fruchtbarkeit waren, kannnur in Gemeinwesen Gestalt gewinnen, deren Ackerbau wesentlich von der Be-wässerung abhängig ist. Schon eine kurze Erwägung muss uns überzeugen,dass auch in Palästina der älteste Ackerbau von solcher Art war. Die Cul-tivierung beginnt in den fruchtbarsten Gebieten, das heisst für jene klima-tischen Verhältnisse in den von Strömen und Quellen bewässerten Gebieten. Ansolchen Stätten müssen die Ackerbau treibenden Ortschaften entstanden sein,während man die weit ausgedehnten Ebenen von Saron und Esdraelon denherumziehenden Hirten überliess. In dem Masse, wie sich von diesen Mittel-punkten der Ackerbau ausdehnte und allmählich das ganze Land überzog, ver-breitete sich mit ihm der Cultus der Baalim; dieGötter der Quellen" dehntenihre Herrschaft auch über das vom Regen getränkte Land aus und nahmenzu ihren alten Attributen den neuen Charakter alsHerren des Regens" an.Die Naturanschauungen der alten Semiten standen mit dieser Entwickelungin Uebereinstimmung. Wenn die Menschen mit eigenen Augen sahen, dassWolken aus dem Meere aufsteigen" (I. Kön. 18, 44) odervom Ende derErde heraufziehen", d. h. vom fernen Horizont (Jer. 10, 13; Ps. 135, 7), sohatten sie keinen Grund, zu bezweifeln, dass der Regen demselben Quellorteentstamme, wie die Quellen und Ströme der Baalim os .

Wenn in der ältesten Dichtung der Hebräer Jahwe über sein Land da-hinfährt, so zieht er nicht vom Himmel, sondern vom Sinai aus (Rieht. 5, 45). Diese Anschauung ist natürlich ; denn in Gebirgsländern ziehen sichdie Unwetter rings um die höchsten Gipfel zusammen. Nach dieser Analogiedürfen wir weitere Folgerungen ziehen: wenn Regenwolken dunkel über denBergschluchten und bewaldeten Höhen des Libanon lagen, wo die grossen

98) Ich vermag Dillmann nicht zu folgen, wenn er die Kosmologie von Gen. 1mit ihrem zwiefachen Vorratsraume des Wassers unter und über dem Firmament fürursprünglicher hält als die einfachere Vorstellung von den aufsteigenden Wolken(D'K'tOT). Die in Gen. 1 vorliegende kosmologische Anschauung findet sich nur in naeh-exilischen Schriften (IL Kön. 7, 2. 19 gehört nicht hierher) und setzt einen gewissenGrad abstracten Denkens voraus; während die andere Auffassung nur eine Darstellungder Erscheinungen ist, wie sie sich dem Auge darbieten. In Jer. 10, 13. Ps. 135, 7 eineLehre von der Entwickelung der Wolken durch Verdampfung des Wassers zu sehen,ist ganz irrtümlich. Die Bezeichnung der Wolken D'SnMdie sich erhebenden" beziehtsich auf die sichtbare Bewegung der Wolken. Vergl. arabische Bezeichnungen wie habteine am Horizont lagernde Wolke".