Der ursprüngliche Sinn des Ausdrucks „Land des Ba'al". 73
die Religion einer auf dem Ackerbau beruhenden Cultur ihren Ausgangspunktin der Heiligkeit hatte, die wasserreichen Hainen und Wiesen bereits beige-legt war 06 . Die Schwierigkeit, die wir bei der Annahme dieser Ansicht em-pfinden, beruht hauptsächlich auf dem durchaus verschiedenartigen Klima, indem wir leben. Wenn jemand in der arabischen Wüste reist, wobei er Tagfür Tag felsige Hochebenen, schwarze vulkanische Gefilde oder dürre Sand-wüsten durchqueren muss, die von gluterfüllten Höhenzügen kahler Felsenumschlossen sind und durch keine andere Vegetation unterbrochen werden alsdurch etliche graue, dornige Akazien oder dürftige Büschel dürren Grases, biser plötzlich, bei einer Biegung der Strasse, an ein Wädi gelangt, in dem dasGrundwasser als fliessendes Wasser hervortritt, wenn er da wie durch Zauber-macht in eine neue Welt tritt, wo der Boden mit Grün bedeckt ist und präch-tige Palmbäume ihr schattiges Dach gegen die versengende Glut des Him-mels ausbreiten, dann wird niemand eine Schwierigkeit darin finden, dass fürdie Menschen der ältesten Zeit eine solche Stätte in Wahrheit ein Gartenund Wohnsitz der Götter war. In Syrien treten die Gegensätze weniger scharfals in der Wüste hervor; aber nur in der Regenzeit, und in manchen Ge-bieten des Landes nicht einmal dann, ist die allgemeine Fruchtbarkeit derart,dass eine Quelle oder ein feuchter Grund mit seinem Rasen oder natürlichenWaldesdickicht einen belebenden Eindruck auf die Einbildungskraft machenkönnen. Auch ist eine religiöse Auffassung solcher Naturscene nicht nur vonden heidnischen Völkern empfunden worden: „Es sättigen sich die BäumeJahwes, die Cedern des Libanon, die er gepflanzt hat, woselbst die Vögelnisten; auf den Cypressen hat der Storch sein Haus" (Ps. 104, 16. 17). DieseVerse könnten sehr wohl die Beschreibung einer natürlichen Cultusstätte des„ Baal des Libanon" bilden; wer aber empfindet nicht ihre erhabene Grösse ?Oder wer will das ursprüngliche Naturempfinden missbilligen, das sich im Ver-gleiche des ersten Psalms in dem Bilde ausspricht: „ Der ist wie ein anWasserläufen gepflanzter Baum, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit unddessen Blätter nicht verwelken, und alles, was er thut, führt er glücklich hin-aus" (Ps. 1, 3).
95) Bei dieser Begründung habe ich auf den Gehrauch des Ausdrucks „Land Baals"in der Misna kein Gewicht zu legen gewagt. In Palästina galten die Baalim bereitsviele Jahrhunderte vor Abfassung der Misna sicher als die, welche zur GetreideernteGedeihen gaben, sie müssen also auch als Spender des Regens angesehen worden sein.So ist es durchaus natürlich, dass Baals Land im Gegensatz zum künstlich bewässertenLande das mit Getreide bebaute Land einschloss, das völlig vom Regen abhängig war,wie es deutlich der Fall ist bei B. B. III, 1. Andererseits liegen noch unverkennbareSpuren vor, dass das Wort in Palästina bisweilen in einer Bedeutung angewandt wurde,die dem arabischen Gebrauche entspricht; die Ernten, die in Palästina nur auf natürlichoder künstlich bewässertem Boden erwachsen können, werden in bUD und 'ptP eingeteilt.Dieser Unterschied wird z. B. bei Gewächsen wie Zwiebeln und Kohl gemacht (Terümöth
X, 11. Sebi'ith II, 9). In Sulcköth III, 3 lesen wir von einer Wasserweide (Populus Euphra-
tica), die auf dem ba'l gewachsen ist. In Sebi. II, 9 liegt überdies eine ausdrücklicheAngabe vor, dass auf dem ba'l gewachsene Pflanzen bewässert wurden, so dass derGegensatz zu pt£> nur durch die Annahme aufrecht zu erhalten ist, dass dieser Ausdruck— wie es in Arabien der Fall ist — auf künstliche Bewässerung zu beschränken ist,z. B. durch Wasser aus der Cisterne, und dass Anpflanzungen, die neben einer Quelleam Abhang eines Hügels liegen, wie es in Palästina noch gewöhnlich der Fall ist, zudem ba'l gerechnet werden. Die einzigen Pflanzen, die in Palästina auf freiem Feldewachsen, bevor die Sommersonne den Boden ausgedörrt hat, sind Kürbisse und Gurken.
s. Sebi. II, 1. Klein in ZDPV. IV, 82. Vergl. Jes. 1, 8.