72 Drittes Kapitel. Die Beziehungen der Gottheiten zu Naturdingen etc.
nach Arabien gelangt ist, deren Cultur in Arabien sicher nicht heimisch ist.Einen directen Beweis dafür geben die Inschriften aus dem Cultus des Ba'alunter den Nabatäern im Norden der Sinaiwüste und unter den Sabäern undHimyariten im Süden der Halbinsel. Für das innere Arabien hingegen istdie Thatsache des Baal-Cultus lediglich eine Folgerung aus gewissen sprach-lichen Punkten, von denen der wichtigste der Ausdruck ist, den wir obennäher erörtert haben 03 . Zum mindesten besteht also die Möglichkeit,dass der Ba'al-Cultus den nomadischen Beduinen niemals bekannt war, aussersoweit sie von dem Einfluss der Ackerbau treibenden Ansiedler in den Oasenberührt wurden, die ihre Fertigkeit aus Syrien oder dem Irak entlehnt hatten,die gleichzeitig damit es kaum unterlassen konnten, auch aus der fremdenReligion so viel zu entlehnen, wie zur Sicherung der Erfolge ihres Ackerbausfür notwendig gehalten wurde, was mit analogen Verhältnissen durchaus inEinklang steht. Aber selbst bei dieser Annahme halte ich es für im höchstenGrade unwahrscheinlich, dass der Ba'al bei seinem Eindringen in Arabien auseinem Gott des Regens in einen Gott der Quellen und des wasserhaltigenUntergrundes verwandelt wurde. Es handelt sich dabei wesentlich um dieCultur der Dattelpalme, und es findet sich kein Beweis, dass diese in irgendeinem Gebiete der semitischen Länder, die durch Regen allein bewässert wurden,weit verbreitet gewesen wäre. Selbst in Palästina, das ein typisches Beispielfür ein vom Regen abhängiges semitisches Gebiet ist, besteht ein so unge-heurer Unterschied zwischen Landstrecken, die lediglich vom Regen befruchtetsind und solchen, die eine natürliche oder künstliche Bewässerung haben, dasswir kaum begreifen könnten, wie die Idee von einer natürlichen Frucht-barkeit, wie sie in der Bezeichnung „Ba'als Land" zum Ausdruck kommt, ur-sprünglich mit ersterem Umstände in Verbindung gestanden haben kann.Für mich besteht kein Zweifel, dass der Ackerbau unter den Semiten in Ge-bieten mit natürlicher Bewässerung durch Quellen und Ströme entstanden ist,wie er dort auch stets am meisten geblüht hat, und dass die Sprache einermit dem Ackerbau treibenden Leben verknüpften Religion durch die in solchenGegenden entscheidenden Lebensbedingungen bestimmt ward 9 *.
Eine wichtige Bestätigung dieser Auffassung finden wir in dem localenCharakter der Baalim, der für die, welche von der Auffassung des Baalals eines Himmelsgottes ausgingen, stets ein ungelöstes Problem geblieben ist,der aber ohne weiteres verständlich wird, wenn der Sitz des Gottes ursprüng-lich an Stätten gesucht wurde, die durch Quellen oder Flussläufe von Naturbefruchtet waren, oder in Hainen und tiefem Waldesdickicht, auf grünen,schattigen Lichtungen vor einer Berghöhle und an tiefen Wasserläufen. AlleSemiten legten solchen Stätten, die vom Ackerbau gänzlich abgesondert waren,eine gewisse Heiligkeit bei; da aber der Ackerbau in von Natur ergiebigenGebieten entstanden sein niuss, so scheint die Folgerung unvermeidlich, dass
93) Nökleke, ZDMG. 40, 174. Wellhausen, Heidentum p. 176 [146].
94) Eine gute Anschauung von den materiellen Bedingungen des Ackerbaus inPalästina vermag der Artikel von Anderlind, ZDPV. IX (1886) zu geben. Als Er-läuterung dazu mag folgende Mitteilung aus Belädhori, I, 151 dienen. DasGebiet von Bäho (Baibalissus) war nur auf Regen angewiesen und entrichtete die üb-lichen Zehnten. Die Einwohner schlugen dem Maslama vor, dass er ihnen zum Zweckder Bewässerung vom Euphrat her einen Kanal anlegen möge und erboten sich, ihmnoch ein Drittel ihrer Erträge ausser dem Zehnten zu zahlen.