Druckschrift 
Die Religion der Semiten
Seite
65
Einzelbild herunterladen
 

Die localen Beziehungen der Götter. ß5

Zeiten sprechen, so drücken wir damit aus, dass die Orte, Dinge, Personenoder Zeiten in einer besondern Beziehung zur Gottheit oder ihrer Offenbaruno-stehen. Aber der Begriffheilig" hat eine lange und complicierte geschicht-liche Entwickelung erlebt; er zeigt verschiedene Bedeutungsnuancen je nachder Verbindung, in der er gebraucht wird. Es ist nicht möglich, durch blosseAnalyse des modernen Sprachgebrauchs zu einer einzigen, bestimmten Auf-fassung des BegriffsHeiligkeit" zu gelangen; ebenso wenig ist es möglich,sich für irgend eine der modernen Auffassungen des Begriffs zu entscheidenund in ihm die zu Grunde liegende Idee zu finden, von der alle anderenWandlungen des Begriffs abgeleitet werden könnten. Der ursprüngliche Be-griff der Heiligkeit, auf den alle modernen Ausgestaltungen der Idee zurück-geführt werden müssen, gehört einem Anschauungskreise an, mit dem wirkaum noch in Berührung stehen. Wir dürfen auch nicht erwarten, diesenBegriff durch logische Deduction zu gewinnen, sondern nur durch Beobach-tung der Art, wie er auf dem Boden, auf dem er erwachsen ist, in der that-sächlichen Bethätigung der Religion zur Geltung kommt. Für diese Ent-wicklungsstufe würde es daher vergeblich sein, eine allgemeine Begriffsbe-stimmung anzustreben oder nach einer zusammenfassenden Formel zu suchen,die alle Beziehungen der Götter zu den Dingen der Natur umschliesst. DasProblem lässt sich nur im Einzelnen erörtern, und aus mancherlei Gründenliegt der geeignetste Punkt, an den die Untersuchung anknüpfen kann, inder Verbindung, welche die alte Religion zwischen besonderen Gottheiten undbesonderenheiligen" Stätten annimmt. Dieser Gesichtspunkt ist von ent-scheidender Bedeutung; denn alle vollgültigen Handlungen des alten Cultusmussten an einer heiligen Stätte vollzogen werden, und so sind die localenBeziehungen der Götter ausdrücklich oder stillschweigend in jederreligiösen Verrichtung inbegriffen.

Die localen Beziehungen der Götter.

Die localen Beziehungen der Götter können unter zwei Gesichtspunktenaufgefasst werden. Die Wirksamkeit, Macht und Herrschaft der Götter wirdeinmal als an bestimmte räumliche Grenzen gebunden gedacht. Sodann nahmman an, dass sie ihre Herrschafts- und Wohnsitze an gewissen, feststehendenHeiligtümern hätten. Beide Anschauungen stehen natürlich nicht unvermitteltneben einander. Nach der allgemeinen Anschauungsweise umgab der Herr-schaftsbereich der göttlichen Autorität und Macht das Heiligtum, das derHauptsitz des Gottes war. Nur in Rücksicht auf die leichtere Anordnung desStoffs werden wir zunächst das Land des Gottes, sodann seinen Wohn-sitz oder sein Heiligtum betrachten.

Das Land des Gottes entspricht, kurz gesagt, dem Lande seiner An-hänger ; Kanaan ist Jahwes Land wie Israel Jahwes Volk ist 75 . Ebenso hatAssyrien als Land (Assur) seinen Namen von dem Gotte Assur 76 . Ueberhauptwerden die heidnischen Gottheiten beliebig als Götter der Völker oder als

75) Hos. 9, 3. cf. Relan d, Palästina, I. p. 16 ff.

76) Sehrader, Keilinschr. u. AT. 2. Aufl. p. 35 ff. Ehenso wird Micha 5, 5das Land der Assyrer" in Parallelismus gesetzt mit demLand des Nimrod". Nimrodist ein Gott. S. den Artikel Nimrod in der Encyclop. Britan. 9. Ausg. und Well-hausen, Der Hexateuch. (2. Aufl. 1889) p. 308 ff.

Smith, Religion. "