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Die Religion der Semiten
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64 Drittes Kapitel. Die Beziehungen der Gottheiten zu Naturdingen etc.

Natürliche Beziehungen der Götter.

Der Einfluss dieser Ideen auf die alten Religionssysteme kann nachzwei Seiten hin betrachtet werden: 1. Einerseits ist der Kreis des Ueber-natürlichen so ausgedehnt, dass keine antike Religion den Versuch macht,alle seine Offenbarungen zu berücksichtigen. Der einfachste Beweis dafür ist,dass Magie und Zauberei, obgleich sie ausserhalb der Religion liegen und inallen Culturstaaten des Altertums verboten waren, doch niemals als blosser Be-trug betrachtet wurden. Es war keineswegs bestritten, dass es übernatür-liche Mächte gebe, die sich in der Welt geltend machten, auf die aber dieofficielle Religion keine Rücksicht nahm. Die Religion befasste sich nur mitden Göttern, d. h. mit einem bestimmten Kreise grosser übernatürlicher Mächte,deren Beziehungen zum Menschen auf eine gewisse freundliche Grundlagebegründet waren und die durch feste Riten und bestimmte Einrichtungen auf-recht erhalten wurden. Jenseits des Kreises der Götter stand die unübersehbareund unbestimmte Schar der geringeren übernatürlichen Wesen, von deneneinige unter der Bezeichnung als Halbgötter der Religion eingegliedert wur-den, während andere gänzlich ignoriert wurden, abgesehen vom persönlichenund volkstümlichen Aberglauben oder von solchen, die vorgaben, daemonischeMächte zu ihrem Dienste und zum Gehorsam gegen ihre Befehle zwingen zukönnen. 2. Andererseits waren die Götter hinsichtlich ihrer Naturselbst nicht bestimmt gegen die daemonischen Wesen niederen Ranges ab-gegrenzt, nicht einmal gegen solche natürliche Dinge, denen man göttlicheEigenschaften innewohnend dachte. Das unterscheidende Merkmal lag nurin ihren Beziehungen zum Menschen, oder genauer, zu einem bestimmtenKreise von Menschen, nämlich zu dem ihrer Verehrer. Sobald diese Bezie-hungen anerkannt waren und feststanden, gaben sie den Anlass zur Ausge-staltung von geordneten und fest geregelten religiösen Institutionen. Aber dieFormen des religiösen Cultus waren nicht bloss dadurch bestimmt, dass ineinem Falle der Gott als Vater, im andern als König, in noch einem andernals Schutzherr seiner Anhänger gedacht war. Wollte man bestimmen, wieman sich der Gottheit nahen müsse, wie ihre Hülfe am besten zur Wirkunggebracht werden könne, so musste man auf die Thatsache Rücksicht nehmen,dass der Gott kein allmächtiges und allgegenwärtiges Wesen war, das gänz-lich über der Natur stand, sondern dass er selbst an die natürliche Weltdurch eine Reihe von Beziehungen gebunden war, die ihn nicht nur mit demMenschen, sondern auch mit Tieren, Bäumen und leblosen Dingen verknüpften.In der antiken Religion haben Götter wie Menschen eine natürliche Umgebung,in der und durch die sie wirken, durch welche die Bethätigung ihrer Kraftbedingt ist.

Der Einfluss dieser Anschauung auf die alte Religion ist sehr weit-reichend und oft schwer zu ermitteln. Aber eine Seite daran ist ebensoleicht zu erfassen, wie sie von grundlegender Bedeutung ist, nämlich die Ver-bindung zwischen besonderen Gottheiten und besonderen Stätten. Der all-gemeinste Ausdruck, um die Beziehung natürlicher Dinge zu Göttern zu be-zeichnen, den uns die Sprache bietet, ist der Begriffheilig". Wenn wirso von heiligen Orten, heiligen Gegenständen, heiligen Personen, heiligen