Die primitive Naturauffassung. 63
verwandelten Stammes der Israeliten hielt ° 8 . Makrizi erzählt von den Sei'arin Hadramant, dass sich ein Teil des Stammes zur Zeit der Dürre in reis-sende Werwölfe verwandelte; sie hatten magische Mittel, um eine Wolfsge-stalt anzunehmen und wieder abzulegen G0 . Andere Hadramiten verwandeltensich in Geier oder Drachen 70 . In der Sinaihalbinsel glaubte man, dass derKlippdachs und der Panther menschlicher Herkunft seien 71 .
Unter den Nordsemiten sind Verwandelungsmythen durchaus nicht un-bekannt, wiewohl sie uns gewöhnlich nur in griechischer Einkleidung über-liefert sind. Die schwangere Mutter des Adonis wurde in einen Balsambaumverwandelt; im zehnten Monate barst der Baum, und der junge Gott trat ansLicht 72 . Die Verwandlung der Derketo in einen Fisch wurde zu Ascalonwie zu Bambyce erzählt. Ebenso ist der assyrische Mythus zu verstehen,der den Löwen, den Adler und das Kriegsross unter den Geliebten der Istar auf-führt, während im Bereiche der plastischen Kunst das Fehlen einer scharfenUnterscheidung zwischen Göttern und Menschen einerseits, der niedern Kreaturandererseits sich in der Vorliebe für phantastische Ungeheuer ausspricht, diehalb Mensch halb Tier sind, wie sie uns zuerst auf den ältesten, gravierten•chaldäischen Cylindern entgegentreten. In Phönicien fand diese Kunst ihreNachbildung in den Cherubim, Greifen und Sphinxen 73 ; sie blieb für dieheilige Kunst der Babylonier charakteristisch bis zur Zeit des Berosus 74 .Natürlich lassen sich die meisten dieser Erscheinungen durch allegorischeDeutung verwischen, und sie werden bis heute so von denen gedeutet, die ihreAugen verschliessen vor dem offenkundigen Unterschiede zwischen primitiverAnschauung, der die gesammte Natur als gleichartige Einheit gilt, weil sie dieDinge noch nicht nach ihren einzelnen Formen unterschieden hat, und dermodernen, monistischen Philosophie, in der die Gesammtheit der Erscheinungen,die als Wirklichkeit nur in der Vielheit ihrer Formen gegeben ist, durch einemetaphysische Synthese wieder zu einer Einheit zusamniengefasst wird. Mitwelcher Allegorie aber kann man den Glauben an Werwölfe deuten? Wennman von derselben Person meint, sie könne bald ein Mensch, bald ein Wolfsein, so ist der Unterschied, der für unsere Anschauung zwischen einemMenschen und einem wilden Tiere besteht, überhaupt noch nicht erkannt.Eine solche Vorstellung kann auch nicht ein bloss vereinzeltes Gebilde einerschrankenlosen Phantasie sein; sie entspricht vielmehr einer Auffassung derNatur als eines Ganzen, wie sie in der That die gewöhnliche Anschauungroher Völker in allen Teilen der Welt ist, die überall auch die gleiche Ver-mischung von Grössen natürlicher und übernatürlicher Art hervorruft, wie wirsie bei den alten Semiten sehen.
68) Damiri, II, 87. Doughty, Travels in Arabia 1, 326. Eine ähnliche Tra-dition (hadit) über die Maus giebt Damiri II, 218.
69) De valle Hadhramaut (Bonn 1886), p. 19 f.
70) Ibid. p. 20. Vergl. auch IbnMugäwir bei Sprenger, Post-routen p. 142.
71) Kinship, 203 f.
72) A p o 11 o d o r u s, Bibliotheca, III, 14, 3. S e r v i u s zu Aen. V, 72. [ed. Thiloet Hagen, I, p. 600.]
73) s. M e n a n t, Glyptique Orientale. Vol. I.
74) Berosus (Fragm. Hist. Graec. II, 497) berichtet von Bildern im Tempel desBei, die die Gestalten seltsamer Ungeheuer zeigten, wie sie zur Zeit des Chaos lebten.Auf den ältesten Gemmen erscheinen derartige phantastische Gestalten häufig.