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Die Religion der Semiten
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62 Drittes Kapitel. Die Beziehungen der Gottheiten zu Naturdingen etc.

für unsern Zweck ist das hier nicht von Bedeutung. Eine gewisse rohe Unter-scheidung zwischen Seele und Körper, verknüpft mit der Vorstellung, dassdie Seele zu handeln vermag, wo der Körper nicht weilt, ist den meistenwilden Rassen durch die gewöhnlichen Erscheinungen des psychischen Lebens,besonders die der Träume, nahegelegt worden. Die für das vorwissenschaft-liche Denken charakteristische Anwendimg der Analogie dehnt diese An-schauung auf alle Glieder der Natur aus, die für den Geist des Wilden mitgeistigen Mächten belebt ist, die in ihren Gefühlen und ihrem Handeln vonden materiellen Dingen mehr oder weniger abhängig sind, zu denen man siein besonderer Beziehung stehend denkt. Aber die Verknüpfung des unsicht-baren Lebens mit seinem sichtbaren Körper ist niemals vollständig. Ein Menschist schliesslich kern Geist oder Phantom, ein Leben oder eine Seele ohneKörper, sondern er ist ein Körper mit seiner Seele. Ebenso lässt das un-sichtbare Leben, das einer Pflanze, einem Baum oder heiligen Stein inne-wohnt, seinen geheiligten Träger selbst als ein lebendes Wesen erscheinen.Und im Oultus wurde der heilige Gegenstand angeredet und behandelt wiedie Gottheit selbst. Er war nicht bloss Symbol der Gottheit, sondern ihreVerkörperung, der dauernde Sitz ihrer Kraft, in demselben Sinne wie derKörper des Menschen der dauernde Sitz seiner Kraft ist. Kurz, die ganzeAnschauung reicht in ihrem Ursprünge in eine Periode des Denkens zurück,da einem Steine, Baum oder Tiere lebendige Kräfte und Persönlichkeit zuzu-schreiben nicht mehr Schwierigkeiten hatte, als sie einem Wesen mensch-licher oder übermenschlicher Art beizulegen.

Dies Fehlen jeder scharfen Unterscheidung zwischen der Natur von ver-schiedenen Arten sichtbarer Wesen tritt uns ebenso in den ältesten Mythenentgegen, in denen Grössen jeder Art, beseelte und unbeseelte, organische undunorganische als unter einander wie auch mit den Menschen und Göttern ver-wandt erscheinen. Die Verwandtschaft zwischen Menschen und Göttern, diewir bereits näher erörtert haben, ist nur ein Glied in einer weiter ausge-dehnten Verwandtschaft, die auch die niedere Schöpfung umfasst. In derbabylonischen Sage sind Tiere wie Menschen aus Erde gebildet, die mit demBlut eines Gottes gemischt war. In Griechenland standen neben den Erzäh-lungen von der Abstammung der Menschen von Göttern auch die alten Sagenvom Ursprung der Menschen aus Bäumen oder Steinen, oder von Stämmen,deren Mutter ein Baum und deren Vater ein Gott war 00 . Aehnliche Mythen,die beide Menschen wie Götter mit Tieren, Pflanzen und Steinen inVerbindung bringen, finden sich überall in der Welt und dürften auch unterden Semiten nicht fehlen. Noch heute erklärt die Sage der Gegend den Namendes Stammes der Bann Sulir damit, dass er ihn zu einem Sprössling derSandsteinfelsen in der Gegend von Madain Sälili macht ° 7 .

Derselben Anschauungsweise gehören die Sagen über die Verwandlungenvon Menschen in Tiere an, die in der arabischen Legende nicht selten sind.Muhammad wollte keine Eidechsen essen, weil er sie für Abkömmlinge eines

66) Odyssee XVIII, 163. P r e 11 e r - R o b e r t, Griech. Mythologie I, 79 ff.

67) Doughty, Travels in Arabia I, 17. s. Ibn Duraid, Kitabu '1-istikäkp. 329, Z. 20. Umgekehrt glaubt man in Arabien von manchen Felsen und Steinen, dasssie verwandelte Menschen seien, besonders Frauen. [Hierhin gehört wohl auch Gen. 19, 26.]D o z y, Israeliten te Mekka, p. 201 teilt Beispiele dafür mit. Vergl. J ä k ü t I, 123.