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Die Religion der Semiten
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Die primitive Naturauffassung. 61

sondern als positive aufgefasst wurden, d. h. sie galten nicht als von der Naturder Götter abhängig, sondern wurden als Willensbestimmungen, die von derGottheit ausgingen, betrachtet. Aber in den gewöhnlichen Formen des Heiden-tums tritt völlig klar zu Tage, dass die Götter selbst nicht von den allge-meinen Schranken des natürlichen Daseins befreit sind. Wir haben in derThat bereits gesehen, dass wo die Beziehung der Gottheit zu ihren Ver-ehrern als ein Verwandtschaftsverhältnis aufgefasst wurde diese Verwandt-schaft sowohl im natürlichen wie im moralischen Sinne verstanden wird, so dassder Gott und seine Verehrer nicht allein Glieder eines socialen Gemeinwesenssind, sondern auch eine natürliche Lebensgemeinschaft bilden.

Die primitive Naturauffassung.

Es ist wesentlich, dass wir uns schärfer die primitive Anschauung vonder Welt vergegenwärtigen, in der diese Auffassung wurzelt und in der sieihre natürliche Stellung hat. Sie reicht in eine Zeit zurück, wo der Menschnoch nicht gelernt hatte, zwischen den Dingen der Natur und anderen Ob-jecten einen scharfen Unterschied zu machen. Wie wir wissen, sind Wildenicht allein unfähig, zwischen Dingen der Erscheinungswelt und blossen Vor-stellungen einen Unterschied zu machen; sie ignorieren meist auch Unter-schiede, die uns auf der Hand zu liegen scheinen, zwischen der organischenund unorganischen Natur, oder auf noch tieferer Stufe zwischen Tieren undPflanzen. Indem sie überhaupt nach Analogie schliessen und dabei von demBekannten auf das Unbekannte mit der ganzen Unbefangenheit eines Men-schen schliessen, der den Unterschied zwischen Gebilden der Einbildungskraftund wirklich Erkanntem gar nicht kennt, legen sie den materiellen Gegen-ständen ein Leben bei, entsprechend dem, welches ihr Selbstbewusstsein ihnenkund giebt. Sie sehen wohl, dass die Menschen einander ähnlicher sind, alsdie Tiere den Menschen, und dass die Menschen den Tieren mehr gleichen,als den Pflanzen, den Pflanzen wiederum mehr als den Steinen; aber allediese Dinge scheinen ihnen zu leben, und je unbegreiflicher ihnen irgend eineForm des Lebens erscheint, für um so wunderbarer und verehrungswürdigerhalten sie dieselbe. Das Verhalten der Wilden gegenüber Naturgrössen, dieihn umgeben, ist noch jetzt das gleiche, wie es uns durch einige der hervor-ragendsten Züge der antiken Religion für die alten Zeiten bezeugt ist. Untersolchen Rassen, die einen gewissen Grad der Cultur erreicht haben, ist dievorherrschende Anschauung von den Göttern die anthropomorphe, d. h. siewerden als den Menschen im allgemeinen gleich vorgestellt, und die künst-lerische Phantasie gestaltet sie, sei es in Poesie, Malerei oder Sculptur, nachdem Ebenbilde des Menschen. Gleichzeitig aber umschliesst die Reihe dergöttlichen Wesen eine Mannigfaltigkeit von Naturdingen aller Art: Sonne,Mond und Sterne, Himmel und Erde, Tiere und Bäume und selbst heiligeSteine. Ohne dass ein Unterschied zwischen ihrer besonderen Natur gemachtwürde, Averden alle diese Götter in der gleichen Beziehung zum Menschengedacht; man tritt ihnen in einem gleichartigen Cultus nahe, sie erweckendie gleichen Hoffnungen und dieselbe Furcht in den Herzen ihrer Verehrer.Es ist natürlich leicht, zu sagen, dass die Götter nicht mit diesen Natur-dingen identifiziert, dass sie nur als in ihnen wohnend gedacht wurden; aber