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Die Religion der Semiten
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Die Macht der Götter. 57

freiwillig dargebrachter Verehrung beruhenden Religion hervor in der Ent-stehung der Sitte, nach entfernten Cultusstätten Pilgerfahrten zu unternehmen,eine Erscheinung, die im späteren semitischen Heidentum eine hervorragendeRolle spielt. Fast alle Araber versammelten sich in Mekka, und an demHeiligtum zu Hierapolis strömten Besucher aus der ganzen semitischen Weltzusammen. Diese Pilger waren Gäste des Gottes und wurden als solche von denBewohnern der heiligen Orte aufgenommen. Sie nahten dem Gott als Fremde,nicht in dem alten, freudigen Vertrauen, das im nationalen Cultus seinenAusdruck fand, sondern mit Sühnebräuchen und Selbstkasteiung, und ihrecultischen Handlungen wurden ilmen durch dafür geeignete Lehrmeister vor-geschrieben 04 , die Vorbilder des heutigen Mutawwif in Mekka. Die Weiter-bildung des Heidentums zum Universalismus, wie sie sich in diesen Bräuchendarstellt, scheint den Abstand zwischen der Gottheit und dem Menschen nurzu erweitern und die naive Zuversichtlichkeit der alten Religion aufzuheben,ohne ein besseres Verfahren an ihre Stelle zu setzen, durch das der Menschmit seinem Gott in Einklang käme. Sie zersetzt überdies die im Volkstumliegenden sittlichen Anschauungen, ohne es zu einer höheren Sittlichkeit zuerheben, die in ihren Forderungen universal ist; sie gestaltet das Königtumzu einem mit priesterlichen Ceremonien prunkvoll ausgestatteten Hofstaat ohnedauernden Einfluss auf die Haltung des socialen und täglichen Lebens. Dashebräische Ideal der göttlichen Königsherrschaft, die sich einst alle Menschendienstbar machen sollte, gewährte besseres, nicht vermöge eines Zugs, denes mit den semitischen Religionen im ganzen gemein hatte, sondern alleindurch die einzigartige Auffassung Jahwes als eines Gottes, dessen Liebe_ zuseinem Volke durch das Gesetz absoluter Gerechtigkeit bedingt war. In an-dern Völkern erhoben sich einzelne Denker zu erhabenen Vorstellungen voneinem höchsten göttlichen Wesen; in Israel aber, und in Israel allein, ge-wannen diese Anschauungen in dem bestehenden Cultus des NationalgottesGestalt M \ Und so war von allen Göttern der Völker Jahwe allein geeignet,der Gott der ganzen Welt zu werden.

Die Macht der Götter.

Am Schlüsse dieser Bemerkungen über die Beziehungen der Götter zu ihrenVerehrern dürfen wir es nicht unterlassen, näher auf einen Einwand gegendie ganze Richtung unserer Darstellung einzugehen, der nicht selten erhobenwird. Die meisten Forscher auf dem Gebiete der semitischen Religion habenes als ihre erste Aufgabe betrachtet, das Wesen der Götter zu erörtern, undunter diesem Gesichtspunkte haben sie gewisse Gruppen von Naturerschei-

brauch des Stammes im Arabischen scheint jedoch auf einen etwas specielleren Sinn zudeuten, etwaGefangener", was im bildlichen Sinne auf den Verehrer eines Gottes über-tragen sein mag, oder wenn der mit taim zusammengesetzte Name, wie es imArabischen gewöhnlich der Fall, ein Stammesname ist auf einen unterworfenen Stamm,der den Cultus der Eroberer angenommen hatte. Andrerseits ist tima ein Schaf, dasman nicht auf die Weide lässt, sondern im Stall zum Melken behält; in Analogie dazukönnte taim auchHausgenosse" bedeuten.

64) Lucian, De dea syria, 56. [Ueber den gleichen Brauch im heutigen Cultusvon Mekka und die Stellung der Mutawwif in und Imäme s. Snouck-Hurgronje,

Mekka, II, 28 ff. 79 f. 151.]

64a) [Vergl. für diese Auffassung Ed. Meyer, Gesch. des Altertums, I, § 3'26.]