58 Zweites Kapitel. Das "Wesen der religiösen Gemeinschaft etc.
nungen oder sittlichen Beziehungen als den Herrschaftsbereich jeder Gott-heit zu bestimmen gesucht. Wer unter dem Einfluss dieser Auffassung steht,kann geltend machen, dass sie mit den vorstehenden Ausführungen um nichtsbesser daran seien, wenn sie wüssten, dass die Götter als Väter, Könige oderPatrone aufgefasst wurden, indem diese Beziehungen uns nicht zu dem Ver-ständnis dessen verhülfen, was die Götter für ihre Anhänger zu thun ver-möchten. Die Alten erbaten von ihren Göttern Regen und fruchtbare Zeiten,Kinder, Gesundheit und langes Leben, Wachstum der Herden und noch mancheandere Dinge, die kein Kind von seinem Vater, kein Unterthan vom Königefordert. Hieraus könne man schliessen, dass Vaterschaft und Königtum inder Religion nur bildliche Ausdrücke seien; das Wesentliche sei, zu wissen,warum die Götter für fähig gehalten wurden, für ihre Anhänger Dinge zuleisten, zu denen ein König oder ein Vater nicht im Stande sind.
Sofern sich dieser Einwand gegen die Methode der vorliegenden Dar-stellung im ganzen wendet, muss eine Auseinandersetzung mit ihm der wei-teren Ausführung vorbehalten bleiben. Nur der eine Punkt, dass die Götterfür ihre Anhänger Dinge thun, die man von menschlichen Vätern, Königenoder Schutzherrn nicht erwartet, erfordert eine nähere Erörterung, auf diewir bereits an dieser Stelle eingehen können. Zunächst ist da zu bemerken,dass der Beistand der Götter ohne Unterschied für alle Angelegenheiten nach-gesucht wurde, die Gegenstand des Wunsches waren, die aber durch die Be-mühungen der Verehrer ohne Hülfe nicht erlangt werden konnten. Ferner istvöllig klar, dass in allen solchen Angelegenheiten der Verehrer bei dem GottHülfe suchte, an den sich zu wenden er ein Recht hatte. Wenn der Semitekrank war, rief er den Gott seines Volkes oder seines Stammes an, und andenselben Gott wandte er sich, wenn er Regen oder Sieg über die Feindewünschte. Die Macht des Gottes wurde nicht als unbegrenzt vorgestellt; abersie war sehr gross und kam bei allen Dingen zur Geltung, die die Menschenwünschen konnten. So weit das primitive semitische Heidentum in Fragekommt, ist es eine durchaus irrtümliche Annahme, dass ein Gott, zu dem dieMenschen um Regen beten, auch ein Gott der Wolken sein müsste, währendeme andere Gottheit der Gott der Herden wäre, an den sich die Gebete umZuwachs an Vieh richteten. Die Götter hatten ihre natürlichen Schranken;aber nicht in dem Sinne, dass jede Gottheit nur über einen beschränkten Be-reich der Natur herrschte. Das ist eine für das primitive Denken zu abstracteVorstellung, die einer höheren Entwickehmgsstufe des Polytheismus angehört,die von den meisten semitischen Völkern niemals ganz erreicht worden ist.Im alten Heidentum ist die reale Lebensfrage nicht, was zu thun ein Gottdie Macht hat, sondern wie ich ihn dafür gewinnen kann, etwas zu meinen.Gunsten zu thun; das hängt aber von dem Verhältnis ab, in dem ich zu ihmstehe. Wenn ich einen Gott habe, der mein König ist, so erbitte ich vonihm Dinge, die ich von einem menschlichen Oberhaupte nicht verlangen kaim,einfach weil dieses sie nicht zu thun vermag, und als sein Unterthan darfich seine Hülfe in allen Angelegenheiten in Anspruch nehmen, in denen meineWohlfahrt der Wohlfahrt des Staates entspricht, über den er herrscht. Auchist es in der That durchaus nicht sicher, dass die Semiten, wenn sie den Gottum Regen baten, damit gänzlich die Grenzen dessen überschritten, was voneinem menschlichen Könige verlangt werden konnte. Denn, so fremdartig uns