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Die Religion der Semiten
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52 Zweites Kapitel. Das Wesen der religiösen Gemeinschaft etc.

armen Anverwandten eines Mächtigen sich damit begnügen, unter einer über-legenen und gebietenden Schutzherrschaft zu stehen; sie sinken damit zu eineruntergeordneten Stellung herab. Das Königtum ist die einzige sociale Macht,die diesem Streben entgegenwirkt; denn im Interesse des Königs liegt es, einGleichgewicht der Machtverhältnisse zu sichern und ein übermässiges An-wachsen der Macht der Adelsfamilien, die mit seiner Autorität in Wettbewerbtreten könnten, zu verhindern. So gewinnt der Herrscher schon aus Gründender Selbstbehauptung immer mehr die Stellung eines Beschützers des Schwachengegen den Starken, der weiteren Volkskreise gegen die Aristokratie. Um dasAllgemeine hervorzuheben: der Kampf zwischen dem Königtum und dem Adel,zu dem diese Verhältnisse den Anlass bildeten, hatte im Orient und in derabendländischen Welt einen verschiedenen Ausgang. In Griechenland undRom erlag das Königtum der Aristokratie; in Asien behauptete sich das König-tum, bis es sich in grösseren Staaten zur Despotie entwickelte oder in kleinerenvon einer Fremdherrschaft vernichtet wurde. Diese Verschiedenheit der poli-tischen Gestaltung spiegelt sich in der religiösen Entwickehmg wieder. Dennda der Gott der Nation die Stammes- und Familiengottheiten ursprünglichkaum mehr überragte, als der König über den Institutionen des Stammes undder Familie stand, so strebte die Entwickehmg im Abendlande, wo das König-tum unterlag, auf die Ausgestaltung einer aus einer Vielheit von Gottheitengebildeten Götteraristokratie hin, in der nur noch eine schwache Erinnerungan das alte Königtum in umgestalteter Form in der nicht sehr wirksamenOberhoheit des Zeus nachlebt. Im Orient dagegen gewann der Gott eine reale,monarchische Machtstellung. Was oft als eine im Wesen der semitischenReligion liegende Tendenz dargestellt wird, das Hinstreben ihrer Entwicke-hmg zu einem ethischen Monotheismus, ist im ganzen nur eine Consequenzaus dem zwischen Religion und Monarchie bestehenden Zusammenhange.Denn so corrupt die Königsherrschaften im Orient thatsächlich vielfach wurden,das Ideal des Königtums, eine im Bereich der ganzen Nation obne Ansehender Person gleichmässig geübte Gerechtigkeit, stand höher als das Ideal derAristokratie, in der jeder Adlige eine Begünstigung seiner Familie auch aufKosten des Staats und der Rechtspflege zu gewinnen trachtete. Es ist mehrin dem Ideal als in den thatsächlichen Verhältnissen begründet, dass die re-ligiöse Auffassung, wenn auch nicht auf den allgemeinen Anschauungen, sodoch auf den Anschauungen der tiefer denkenden und .der Frommen beruht.Zugleich aber ist die Idee einer absoluten und stets wachsamen göttlichenGerechtigkeit, wie wir sie in den Propheten ausgesprochen finden, für denOsten nicht natürlicher als für den Westen; denn auch der ideale semitischeKönig vermag immer nur eine sehr unvollkommene, irdische Vorsorge zubieten, und überdies nimmt er dem eigenen Volke und dem Fremden gegen-über eine verschiedene rechtliche Stellung ein. Dem prophetischen Gedanken,dass Jahwe dem Rechte auch durch die Vernichtung seines eigenen VolkesIsrael Geltung verschaffen will, liegt ein ethischer Massstab zu Grunde, derder traditionellen semitischen wie arischen Anschauung fremd ist. Demnachist der Unterschied zwischen Osten und Westen hinsichtlich ihrer ethischenRichtung mehr ein Unterschied des Grades als des Prinzips. Wir könnennur so viel sagen, dass der Osten in höherem Masse vorbereitet war, die Ideeeines absolut gerechten Gottes aufzunehmen, weil seine politischen Verhältnisse