50 Zweites Kapitel. Das Wesen der religiösen Gemeinschaft ete.
einer göttlichen Autorität zu übertragen 48 . Sie trugen ihre strittigen Ange-legenheiten dem Propheten vor, wie die Israeliten dem Moses, und seine Ent-scheidungen wurden das Gesetz des Islam, wie die des Moses die Grundlageder Thora bilden. Aber bis zur Zeit des Propheten stand die Entwickelungder Idee des göttlichen Königtums unter den nomadischen Arabern thatsäch-lich noch in dürftigen Anfängen, wie es bei einer Gemeinschaft zu erwartenist, bei der auch das menschliche Königtum niemals recht Anklang gefundenhat. In den glücklichen Tagen des arabischen Handels, als die wertvollenGüter des fernen Ostens hauptsächlich durch die Karawanen Südarabiens indie Mittelmeerländer gelangten, war in einigen Teilen der Halbinsel ein festesKönigtum begründet. Nachdem aber der Seeweg nach Indien erschlossen war,verfielen diese Königsherrschaften der Auflösung und das ganze Land gerietmeist wieder in Anarchie. Die eigentlichen Nomaden empfanden oft das Ver-langen nach einer beherrschenden Autorität, die den unablässigen Stammes-und Familienfehden ein Ende zu machen vermochte; aber ihr Stolz und ihreUnbeugsamkeit ermöglichten es niemals, dass sie sich längere Zeit der ge-bietenden Autorität eines Fremden fügten. Andererseits machte es das hoch-gesteigerte Stammesgefühl ganz unvermeidlich, dass ein erwähltes Oberhauptden eigenen Stammesgenossen gegenüber anders verfuhr als gegen eine Personfremder Herkunft. Nach dem Untergange der Königreiche der Jeminiten undNabatäer, die ihre Macht durch ihren Handelsverkehr gewannen, war keinVersuch, einen festen Zusammenschluss der verschiedenen Stämme in einemeinheitlichen Staate zu schaffen, von dauerndem Erfolg, ausgenommen unterrömischer oder persischer Oberhoheit. Zu dieser politischen Auflösung bildetdie Zersetzung der Religion und ihres Einflusses in den letzten Tagen desarabischen Heidentums eine naturgemässe Parallele. Die Angehörigen einesStammes hatten das Gefühl für die Verwandtschaft mit ihrem Gott verloren;niemals aber hatten sie gelernt, sich in eine beständige Unterordnung oder inGehorsam gegen eine von der Verwandtschaft unabhängige Macht zu fügen.Die Religion war in ihnen ebenso wenig fest gewurzelt, wie die Unterthanen-treue gegenüber diesem oder jenem menschlichen König, dem für einige Zeitzu folgen ihnen vielleicht gutdünkte. In einem Augenblick des Uebermutsoder wenn sie ihrer überdrüssig sein mochten, waren sie ebenso bereit, ihreGottheiten aufzugeben, wie sie mit ihrem Dienste sich von einem kleinenOberhaupte einem andern zuwandten 49 .
48) Dafür, dass der Gott in Streitfällen Entscheidungen gab, vergl. den Namenfarrad , den ein Gottesbikl der Sa'd al-'Asira trug. s. "Wellhausen, Ihn Sa'd. No. 124 b .
49) Die Religion behauptete einen grösseren Einfiuss in Städten wie Mekka undTäif, wo ein Heiligtum war, wo die Gottheit inmitten ihres Volkes lebte und durch fest-stehende und häufige cultische Feiern verehrt wurde. So haben auch im Islam die Be-duinen an den Gesetzen des Koran niemals Gefallen gefunden und lebten in völligerUnkenntnis der einfachsten religiösen Vorschriften , während die Stadtbewohner nachihrer Art sehr fromm sind. Vieles ist an dieser Religion Heuchelei; aber so war es,um nach den Berichten über die Bekehrung der Thakif in Täif zu urteilen, auch zurZeit des Muhammad. Religion war Sache der Gewohnheit, sie bestand oft nur darin,den äusseren Schein aufrecht zu erhalten.