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Die Religion der Semiten
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46 Zweites Kapitel. Das Wesen der religiösen Genieinsehaft etc.

Für die älteren Stufen der semitischen Entwickelung kann man von derantiken Religion als socialer und politischer Macht keineswegs behaupten,dass sie ihre Aufgabe unerfüllt gelassen habe. Aber sie war mit der tradi-tionellen Organisation der Familie und der Nation zu eng verwachsen, umihre wirksame Lebenskraft zu bewahren, als das sociale System gewaltsamvernichtet worden war. Unter den Nordsemiten bildete das Zeitalter der assy-rischen Eroberung für die Geschichte des religiösen und staatlichen Lebensden kritischen Wendepunkt; denn seit dieser Zeit verlor die Religion denZusammenhang mit den Mächten des socialen Lebens völlig und wirkte fastnur noch verderblich. Aber auch abgesehen von der durch die Assyrer her-beigeführten Katastrophe sprechen schwerwiegende Gründe für die Annahme,dass die Volksreligionen der Nordsemiten bereits ihre Lebenskraft verlorenhatten und der Zersetzung anheim fielen. Die sittlichen Triebkräfte des Le-bens, an die sie sich wandten, waren mit den ersten Bedürfnissen eines rohenGemeinwesens, mit dem die Gemeinschaft beherrschenden Triebe der Selbst-erhaltung verknüpft. Die Begeisterung weckende Macht der Religion trat nurin Zeiten der Gefahr hervor, wenn das Volk unter Führung seines Gottes umseine nationale Existenz kämpfte. In friedlichen und glücklichen Zeiten wardie Kraft des religiösen Einflusses zu gering, um den einzelnen über ein blosssinnliches Leben zu erheben und ihn zu gerechten und edlen Thaten anzuregen.Ausser wenn die Nation in Gefahr war, erforderte die Religion keine Selbst-verleugnung; sie begünstigte vielmehr die mühelose und träge Schwelgerei inden guten Dingen, die man unter dem Schutze des Nationalgottes genoss. DieMisstände, die langsam das Gemeinwesen untergraben, die Sünden, die aufden ersten Blick zu sehr als persönliche erscheinen, um als Tha.tsach.en zugelten, die das Volksleben angehen, die Zwietracht, die das Anwachsen unddie ungleichmässige Verteilung des Reichtums begleitet, die durch Schwelgereiund Sinnlichkeit bewirkte Auflösung der sittlichen Kraft waren Dinge, welchedie Religion überhaupt kaum beeinflusste; dass der freundliche, nachsichtigeGott sie beachtete, konnte man sich kaum denken. Der Gott, der sich mitsolchen Uebelständen befasste, war der Gott der Propheten, nicht nur derauf einen Thron im Himmel erhöhte orientalische König, sondern der gerechteund eifersüchtige Gott, dessen Augen allerorten sind, indem sie das Böse unddas Gute beständig überwachen (Prov. 15, 3), dessen Augen zu rem sind, alsdass sie Böses schauen könnten (Hab. 1, 13).

Im Vorstehenden erschien es mir zweckmässig, vorläufig von der An-nahme auszugehen, dass bei d e n semitischen Völkern, die sich aus derblossen Stammesgemeinschaft zu einem einigermassen organisierten Staat ent-wickelten, die höchste Gottheit gewöhnlich als König betrachtet wurde, ohneden Zusammenhang der Ausführung durch Beweisgründe zu unterbrechen.Der endgültige Beweis, dass unsere Auffassung zutreffend ist, ist nur aus denEinzelheiten des religiösen Brauches ersichtlich, in denen wir eine durchausrealistische Auffassung des göttlichen Königtums ausgesprochen finden. In-des mögen hier mir in Kürze einige Beweise verschiedener Art dafür beige-bracht werden. Im alten Testament wird das Königtum Jahwes oft als derRuhm Israels dargestellt: niemals aber in Ausdrücken, die darauf deuten, dassdie Idee eines Königtums der Gottheit den Hebräern eigentümlich war. Viel-mehr gelten andere Nationen alsdie Königreiche der Götzen" (Jes. 10. 10).