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Die Religion der Semiten
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Der Gott als König seines Volkes. 45

mächtigen Genossenschaft von Verwandten und Anhängern. Ein kraftvollerHerrscher, der durch erfolgreiche Kriege zu Reichtum und Ansehen gelangtwar oder die von einer Reihe königlicher Vorfahren angesammelten Hülfs-mittel geerbt hatte, konnte fast eine despotische Macht ausüben, und in einerstarken Dynastie war das Streben nach allmählicher Bntwickelung einer ab-soluten Monarchie lebendig, sobald das königliche Haus im Stande war, einstehendes, seinen Interessen ergebenes Heer zu halten. Aber ein vollendeterDespotismus von der Art der modernen orientalischen Despotie ist wohl inkeinem der kleinen Königreiche jemals erreicht worden, die durch die assy-rische Herrschaft zertrümmert wurden. Die Ideen, die der Anschauung voneinem Königtum der Gottheit zu Grunde liegen, reichen aber sicher bis ineine Zeit zurück, wo das menschliche Königtum noch in den ersten Anfängenstand, wo seine executive Gewalt noch sehr beschränkt war und der Herrscherfür die ständige Beobachtung des Gesetzes und die Ordnung in allen Teilenseines Reichs keineswegs als verantwortlich galt. In den meisten Angelegen-heiten der innern Ordnung wurde seine Vermittelung überhaupt nicht erwartet,ausser wenn sich in einem Streitfalle die eine oder die andere Partei an ihnwandte; und auch dann war nicht sicher, ob die Partei, zu deren Gunsten erentschied, nicht darauf angewiesen blieb, ihre Rechtsansprüche mit Hülfe dereigenen Familienbeziehungen durchzusetzen. Ein so wenig gefestigtes System derRegierung konnte nicht das Vorbild geben, nach dem sich die Anschauung voneiner festen und beständigen göttlichen Vorsehung bilden konnte, die keinUnrecht übersah und nicht duldete, dass das Recht gebrochen wurde. DerVolksgott konnte wohl gut und gerecht sein, aber er ist nicht beständigmächtig, noch ist er mit seiner Gewalt überall anwesend. Die Natur desSemiten erträgt keinen Zwang; sie wünscht keine starke Herrschaft, sei es dieeiner göttlichen oder menschlichen Autorität. Ein Gott, der erreichbar war,sobald man seiner bedurfte, der aber für gewöhnlich die Menschen fast gänz-lich sich selbst überliess, erschien ihnen weit annehmbarer, als einer, dessenachtsamem Blicke niemand entgehen konnte, den man nicht zu täuschen ver-mochte. Es waren hauptsächlich drei Forderungen, die die semitischen Volks-gemeinschaften an ihre Götter richteten und von diesen zu erlangen glaubten:Hülfe gegen ihre Feinde, Rat durch Orakel oder Wahrsager in schwierigenAngelegenheiten der Nation und ein Rechtsurteil in Fällen, deren Entschei-dung durch Menschen als zu schwierig erschien. Die Kraft, Weisheit undGerechtigkeit der Nation blickte auf ihn als ihr Haupt und wurde durch seineHülfe in Zeiten der Not gekräftigt. Im übrigen erwartete man nicht, dassman ihn stets beanspruchen dürfe, um in menschlichen Angelegenheiten Rechtzu schaffen. Es war Sache des Menschen, in alltäglichen Dingen sich undseinen Angehörigen selbst zu helfen, wenn auch der Gedanke, dass der Gottnahe war und in der Not angerufen werden konnte, eine sittliche Macht war,die unablässig dazu mitwirkte, dass Recht und Ordnung im Gemeinwesenerhalten blieben. Die Stärke dieser sittlichen Macht war freilich sehr unge-Aviss; denn es war für einen Uebelthäter stets die Möglichkeit gegeben, sichdabei zu beruhigen, dass sein Verbrechen übersehen werde. Aber selbst einso unbestimmter Einfluss der Religion auf die Lebensführung war für denlangsamen und schwierigen Process der Festigung eines geordneten Gemein-wesens aus dem Zustande der Barbarei heraus von nicht geringer Bedeutung.