Der Gott als Vater seiner Verehrer. 43
ob er den Kampf gegen seinen Gregner fortführen will.
Während die Auffassung des Stammesgottes als Vaters die Idee der gött-lichen Autorität in die Religion einführt und damit dem Gläubigen Ehrfurchtund Gehorsam als Pflichten gegen die Gottheit auferlegt, macht sie nicht denGedanken geltend, dass die Befolgung der göttlichen Befehle durch übernatürlicheBestätigung genau und streng erzwungen werde. Die Achtung, die der Semiteseinem Vater zollt, ist nur die Achtung, die er der Stammesgemeinschaft gegen-über hegt; sie richtet sich auf eine einzelne Person, in der sich die Gesamtheitverkörpert, und in dem Ansehen, das der Vater geniesst, stellt sich nur dasAnsehen des Stammes dar, das aber auch nicht weiter reicht, als der ganzeStamm es zu behaupten vermag. Ebenso steht im Bereiche der Religion derGott, als Vater, auf Seiten der Mehrheit des Stammes, indem er demStammesgesetz gegen widerspenstige Glieder Geltung verschafft. Die Aech-tung, die einzige einem Stammesgenossen gegenüber anwendbare Strafe, bringtauch den Ausschluss aus der religiösen Gemeinschaft mit sich, und wer dasStammesgesetz verletzt hat, hat den Gott ebenso sehr wie seine Volksgenossenzu fürchten. In allen geringeren Angelegenheiten aber, bei denen die Aechtungnicht in Frage kommen konnte, wird dem Gotte die gleiche langmütige Ge-duld zugeschrieben, wie sie die Glieder eines alten Gemeinwesens gegenüberden Vergehen ihrer Stammesgenossen gewöhnlich bethätigen. Mit irgendeinem seiner Anhänger wird der Gott nicht lange brechen; ein verwegenerund selbstbewusster Mann trägt demgemäss kein Bedenken, sich erhebliche Frei-heiten gegenüber der väterlichen Gottheit herauszunehmen. Vom Standpunkteder Stammesreligion aus scheint es in Rücksicht auf seine Verehrer in ihrerGesamtheit kaum denkbar, dass der Gott durch irgend etwas so verletzt seinkönnte, dass sein Zorn über eine zeitweise Entfremdung hinaus ginge, dieleicht durch ihre Reue beendigt wird, oder schon durch einen Wandel in derStimmung auf Seiten des Gottes, wenn die dauernde Neigung für die Sei-nigen doch das Uebergewicht über seine augenblickliche Missgunst gewinnt,wie es sicher geschieht, sobald er sein Volk in Nöten, etwa durch ihre undseine Feinde hart bedrängt sieht. Im allgemeinen war das Verhältnis, in demdie Menschen mit ihrem Stammesgotte lebten, durch sehr leichte Bedingungenbestimmt; seine väterliche Autorität wird nirgends streng oder entschiedendurchgeführt.
Für die heidnische Religion ist dieser Zug sehr charakteristisch; er ver-schwindet auch nicht, wenn der Gott des Stammes mehr als König denn alsVater gedacht wird. So berichtet die Inschrift des Königs Mesa, dass Kemosseinem Volke zürnte und zuliess, dass Israel Moab bedrückte, sodann aber auch,dass Kemös für Moab kämpfte und es von seinen Feinden befreite. Eine Er-klärung für den Wandel in der Gesinnung des Gottes wird aber nirgends ge-geben ; es scheint einfach die Annahme bestanden zu haben, dass er es müdewar, seinem Volke Niederlagen beigebracht zu sehen. Ebenso nahm die grosseMasse der Hebräer vor dem Exil die Verkündigung der Propheten, dass Jahweentschlossen sei, den Gehorsam gegen sein Gesetz, die Forderung der Ge-rechtigkeit, selbst durch Vernichtung des sündigen Volkes Israel zu erzwingen,mit völligem Unglauben auf. Für die Propheten bedeutete die LangmutJahwes die Geduld, mit der er seine Gnadenanerbietungen stets erneuerte, zurBusse aufforderte und die Strafe aufschob, so lange noch Hoffnung auf Bes-