40 Zweites Kapitel. Das Wesen der religiösen (Gemeinschaft etc.
thager eine „grosse Mutter", die mit der Tanith-Artemis, der „himmlischenJungfrau" 34 , identisch zu sein scheint. Die arabische Al-Lät wurde von denNabatäem als Mutter der Götter verehrt; sie wird mit der „ Jungfrau und Mutter"identifiziert werden müssen, deren Cultus zu Petra Epiphanius beschreibt 35 .Ursprünglich muss, da Menschen und Götter eines Stammes sind, dieMutter der Götter auch die Mutter der Menschen gewesen sein, wie die Istar.Aber ausser in Babylonien und Assyrien, wo sich die Könige bis zuletzt alsNachkommen der Istar zu bezeichnen pflegten 35h , ist nirgends ersichtlich, dassdiese Vorstellung dem semitischen Gläubigen vorschwebte, wenn er sich anseine Göttin als die „grosse Mutter" wandte. Wenn wir nach der Analogieurteilen dürfen, selbst nach solchen modernen Analogieen, wie sie sich imCultus der Jungfrau Maria bieten, so können wir kaum zweifeln, dass einName, der die zartesten und festesten menschlichen Beziehungen ausspricht,
34) toi DK CIS. I, No. 195. 380. cf. No. 177. Die Identifizierung der Tanith mitder Artemis ergiebt sich aus der Inschrift 01S. I, .No. 116, wo der Name rum2U ='AüTEjitStupos ist, und wird bestätigt durch die hervorragende Stellung der virgo caelestisoder numen virginale in späteren Culten des punischen Afrika. Die Identität der Mutterder Götter mit der himmlischen Jungfrau, d. h. der unvermählten Göttin, wird bestätigt,wenn nicht absolut erfordert durch Augustin, De civitate Dei II, 4. In Karthago scheintsie auch mit D i d o identisch zu sein, mit der eine Göttin in irgend einem näheren Zu-sammenhang stand. S. Hoff mann, Ueber einige phöniz. Inschriften, p. 32 f. (Ab-handlungen d. Gesellsch. der Wissenschaften zu Göttingen. Bd. 36. 1890). Die unsittlicheForm des Cultus, die der Vorstellung der Göttin als in Polyandrie lebend entspricht,herrschte zu Sicca Veneria; und Augustin erwähnt mit Entrüstung obseöne Lieder, dieden Cultus der karthagischen Göttermutter begleiteten. Aber vielleicht darf man dieseErscheinungen nicht gänzlich auf punischen Ursprung zurückführen. Die allgemeineLaxheit der weiblichen Sittlichkeit, in der eine derartige Form des Cultus ihren Ur-sprang hat, ist für Nordafrika stets charakteristisch gewesen (J. Tissot, La Prov.dAfrique. I, 477).
35) DeVogüe, La Syrie Centrale. Inscript. Nabat. No. 8. Epiphanius,Advers. haereses IL 51 (ed. Dindorf II, 483), Kinship, p. 292 f. Ich vermag WellhausensGründen nicht zu folgen, durch die er die Zeugnisse für den Cult einer Mutter-Gottheitbei den Nabatäern zu entkräften sucht. Er nimmt an, dass die Xaaßou, die Epiphanius alsdie jungfräuliche Mutter des Dusares darstellt, nichts anderes war, als der Spitzpfeileroder das Baitylion, aus dem der Gott hervorgegangen gedacht wurde. Aber seit den Zeitendes Herodot wurde in diesen Gebieten, Al-Lät neben einem Gotte verehrt und dasZeugnis der Inschrift bei de Vogüe und das des Epiphanius stimmen darin überein, dasssie die Lät als Mutter und den Gott als ihren Sohn bezeichnen. Epiphanius sagt ausser-dem noch, dass die jungfräuliche Mutter auch zu Elusa verehrt wurde; hier kenntH i e r o n y m u s — in seiner Vita des Hilarion — den Tempel einer Göttin, die er Venusnennt und die verehrt wurde „o& Luciferum* d. h. in Anbetracht ihrer Beziehung zumMorgenstern. Wellhausen versteht diese Angabe dahin, dass die Göttin von Elusa mitdem Morgenstern identificiert wurde; das ist jedoch unmöglich; denn in seinem Kom-mentar zu Arnos 5 sagt Hieronymus ausdi-ücklich, dass der Morgenstern als ein Gottund nicht als eine Göttin verehrt wurde. Vergl. Jes. 14, 12 „Morgenstern, Sohn derMorgendämmerung"; und bei den arabischen Dichtern ist der Planet Venus männlich,wie Wellhausen selbst bemerkt. Ich sehe keinen Grund für die Annahme, dass dieSaracenen des Nilus den Morgenstern als Göttin verehrten; auch erscheint der Cultus desMorgensterns als Göttin (Al-Uzza) sonst nirgends in Arabien, ausser bei den westlichenStämmen die dem Einfluss des assyrischen Istar-Cultus unterworfen waren, wie er unterden Aramäern fortlebte. Dass die Göttin von Elusa die Al-Uzza war, wie Wellhausen an-nimmt, ist somit durchaus zweifelhaft. Ob ihr lokaler Name, wie Tuch meinte, Halasawar, ist ebenfalls nicht sicher; aber wir müssen die Gleichsetzung von Elusa mit derOertlichkeit, die noch jetzt Halasa heisst, nicht verwerfen, s. P a 1 m e r, Desert of tlieExodus, p. 423, vergl. p. 550~ff.
35a) [So nennt sich Assurbanipal im Gebet an die Istar binüt kßtehi „das Erzeugnisdeiner Hände" (Cyl. B. Col. V, Z. 30. bei G. Smith, p. 120); vergl. dazu die Anrededer Istar an den König: „Fürchte dich nicht, mein Kind, das ich erzogen". Beitr. z.Assyr. u. semit. Sprachw. II, 633. Craig, Bei. Texts, 27, 11.]