Weibliche Gottheiten als Mütter. 39
dem liebevolle Ehrfurcht vor den bekannten Göttern, die mit ihren Verehrerndurch die starken Bande der Verwandtschaft verknüpft sind, von der die Re-ligion im allem zutreffenden Sinne des Worts ihren Ausgang nimmt. Religion indiesem Sinne ist nicht ein Gebilde der Furcht: der Unterschied zwischen ihrund der Furcht des Wilden vor unsichtbaren Feinden ist für die ältesten wiespätesten Stufen der Entwickelung absolut und ursprünglich. Nur in denZeiten einer socialen Zersetzung, wie in der letzten Periode der semitischenKleinstaaten, wo gegenüber dem Ansturm der Assyrer die Götter sich ebensomachtlos erwiesen, wie es ihre Völker waren, drangen magische, auf blosserFurcht beruhende Bräuche oder cultische Riten, die bestimmt waren, die fremdenGötter zu gewinnen, in den Bereich der Stammes- oder Volksreligion ein. In denglücklicheren Zeiten hatte die Religion des Stammes oder Staates mit per-sönlichem und fremdländischem Aberglauben oder mit magischen Bräuchen,die eine rohe Furcht dem Einzelnen nahelegen mochte, nichts gemein.Die Religion ist nicht die freie Beziehung des Individuums zu einer höherenMacht, sondern die Beziehung aller Glieder einer Gemeinschaft zu einerMacht, der das Wohl der Gemeinschaft am Herzen liegt, die ihre Gesetze wieihre sittliche Lebensordnung beschützt. Dieser Unterschied scheint einigenneueren Theoretikern entgangen zu sein, aber er war der allgemeinen An-schauung des Altertums völlig klar, der private und magische Gebräuche desAberglaubens allgemein als Vergehen gegen die Moral und den Staat galten.Nicht nur in Israel finden wir die Unterdrückung magischer Bräuche, dieeine der ersten Massnahmen des Begründers des Königtums war, nicht nurdort sehen wir die Einführung fremder Culte als ein verabscheuenswürdigesVerbrechen behandelt. In beiden Punkten ist das israelitische Gesetz dasGesetz jedes wohlgeordneten antiken Gemeinwesens.
Weibliche Gottheiten als Mütter.
In der)historischen Zeit der semitischen Religion ist die Verwandtschaftder Gottheit mit ihrem Volke näher als Vaterschaft oder Mutterschaft be-stimmt, wobei die erste Auffassung die vorherrschende ist entsprechend demspäteren Gesetz, wonach der Sohn dem Stamme des Vaters folgte. Unter demGesetz der männlichen Verwandtschaft nahm das Weib eine untergeordneteStellung ein. Der Vater ist das natürliche Haupt der Familie und der Mutterübergeordnet; demgemäss nimmt in der Religion nicht eine Göttin als Mutter,sondern gewöhnlich ein Gott als Vater die erste Stelle ein. Die Anschauungvon der „ Göttermutter" war gleichzeitig nicht unbekannt; sie erscheint in Ver-bindung mit Culten, die in die Zeiten der Polyandrie und der Bestimmungder Verwandtschaft nach dem Weibe zurückreichen. Die babylonische Istarist in ihrer ältesten Gestalt solche Göttermutter, die unvermählt ist oder viel-mehr ihre zeitweiligen Genossen nach Wohlgefallen wählt, die Königin, dasHaupt und die Erstgeborene aller Götter 32 . Sie ist die Mutter der Götterund damit die Mutter der Menschen, die nach der babylonischen Flutsageüber den Untergang ihrer Nachkommen trauert 33 . Ebenso verehrten die Kar-
32) Tiele, Babylonisch-assyrische Geschichte, p. 528.
33) [Die Klage der lstar in der babylonischen Sintflutsage s. im assyrischen Textin IV. Rawl. 3 p. 43. 44, Z. 116—123; Jensen, Kosmologie, p. 377 f. Zimmern, Ueber-setzung des Epos bei G u n k e 1, Schöpfung und Chaos, p. 426.]