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Die Religion der Semiten
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38 Zweites Kapitel. Das Wesen der religiösen Gemeinschaft etc.

Aber obgleich die älteste Naturreligion mit der ältesten Sittlichkeit völligeins war, so war jene doch nicht fähig, die Sittlichkeit zu höheren Idealenzu erheben, und anstatt sie die Bahn eines socialen und sittlichen Fortschrittszu führen, begnügte sie sich oft damit, ihr zu folgen, ja selbst hinter ihrzurückzubleiben. Der religiöse Glaube ist von Natur konservativ, denn er istmit alter Gewohnheit und altem Brauche fest verwachsen. Die Götter, denenman sich in den Formen des von Alters überkommenen Cultus nähert, unddie angerufen werden als die, welche den in ihren Grundlagen längst fest-gestellten Principien der Lebensführung ihre Sanktion verleihen, scheinen stetsauf Seiten derer zu stehen, che einer Neuerung abgeneigt sind. Unter denSemiten wie bei andern Kassen trat die Religion oft gegen die Forderungeneiner höheren Sittlichkeit in Wirksamkeit, aber nicht, weil in ihrem Wesen eineTendenz zum Bösen lag, sondern weil sie sich an die nicht mehr lebensfähigesittliche Norm einer entschwundenen Stufe der Gemeinschaft anklammerte.Um eine genauere Beurteilung zu ermöglichen, sei dies an einem Beispieledargethan: Einer der auffallendsten Züge der Stammesreligion ist ihr Particu-larismus; der Mensch ist seinem Gotte nur für ein Unrecht verantwortlich,das er einem Stammesgenossen oder einem Mitgliede seiner eigenen politischenGemeinschaft zugefügt hat; aber einen Volksfremden darf er ohne Verstossgegen die Religion schädigen, berauben oder töten; die Gottheit sorgt nurfür ihre eigenen Angehörigen. Das ist zum mindesten eine sehr niedrigeSittlichkeit, und wir sind jedenfalls geneigt, es geradezu als Unsittlichkeit zubezeichnen. Einer historischen Betrachtung muss indes ein solches Urteilals gänzlich unzutreffend erscheinen. Die höhere Sittlichkeit, die sich aufalle Menschen in gleicher Weise bezieht, hat ihre Grundlage in der Treue,Liebe und selbstlosen persönlichen Hingabe, die zuerst in dem engeren Kreiseder Familie oder des Stammes entstanden ist und sich dort kräftig entfaltete.Die Bedeutung, die die Religion der Verwandtschaft für die Entwickelung undErhaltung dieser Kräfte hat, ist der wertvollste Dienst, den sie für den Fort-schritt der Menschheit geleistet hat. Sie war zu diesem Dienste fähig, weildie Götter selbst Glieder der Gemeinschaft waren, und jemand, der die Pflichtgegen seine Volksgenossen verletzte, mit ihnen wie mit den menschlichen Stam-mesgenossen zu rechnen hatte.-

Renan hat das Wort des StatinsPrimus in orbe deos fecit timor" [Theb.III, 661] zustimmend angeführt und auf die Anfänge der semitischen Religionangewandt:Der Mensch glaubte sich von Feinden umgeben, die er zu begütigentrachtete" 3: . Wie sicher es aber auch sein mag, dass der culturlose Menschsich von unzähligen Gefahren umgeben glaubt, die er nicht kennt und so alsunsichtbare oder geheimnisvolle feindliche Mächte personifiziert, die eine über-menschliche Gewalt haben, ebenso geAviss ist, dass die Bemühungen, dieseMächte zu besänftigen, nicht die Grundlage der Religion bilden. Seit denältesten Zeiten wendet sich die Religion, im Unterschied von Magie und Zau-berei, an verwandte und befreundete Wesen, die ihrem Volke wohl eine Zeitlang zürnen mögen, die aber stets wieder versöhnlich sind, ausser gegenüberden Feinden ihrer Anhänger und abtrünnigen Gliedern der eigenen Gemein-schaft. Es ist nicht die unbestimmte Furcht vor unbekannten Mächten, son-

31) Renan, Histoire d'Israel I, 29.