Die Religion der Verwandtschaft. 37
zwischen dem Gott und seinen Anhängern, von der sich Spuren im ganzenBereiche der semitischen Völker finden, ursprünglich als Vaterschaft aufge-fasst wurde. v ~ Es war das Blut der Mutter, nicht das des Vaters, das beiden Semiten wie bei andern alten Völkern die ursprüngliche Verwandtschaftbegründete. Auf dieser Stufe des Gemeinwesens müsste, wenn die Stammesgott-heit als die den Stamm erzeugende Grösse gedacht wurde, notwendigerweiseeine Göttin, nicht ein Gott, das Objekt der cultischen Verehrung gewesensein. In der That nehmen in der semitischen Religion die Göttinnen eine be-deutsame Stellung ein; sie erscheinen nicht nur in der untergeordneten Rolleals Gattinnen der Götter. Es ist bemerkenswert, dass wir in manchen Teilender semitischen Welt ursprünglich weibliche Gottheiten finden, die ihr Ge-schlecht verwandeln und zu Göttern werden, entsprechend der Umgestaltung,die sich in der Ordnung der menschlichen Verhältnisse vollzog 28 . So langedie Verwandtschaft auf die Mutter allein begründet wurde, konnte eine männ-liche Gottheit von gemeinsamem Stamme mit ihren Anhängern nur als ihrVetter gelten, oder — in der Sprache jener Periode — als ihr Bruder. Dasist in der That dieselbe Beziehung zwischen Göttern und Menschen, die auchPin dar ihnen beilegt, indem er beiden die Erde als gemeinsame Mutterzuschreibt 29 . Unter den Semiten scheint sich eine Spur derselben Anschau-ung in einer Gruppe von Eigennamen erhalten zu haben, die ihre Träger als„Bruder" oder „Schwester" der Gottheit bezeichnen 30 . Danach müssten wirdie religionsgeschichtliche Bedeutung, die sich auf einen weiteren Begriff undeine ältere Auffassung der Verwandtschaft zwischen der Gottheit und dem sieverehrenden Stamme bezieht, von den weiter entwickelten Ideen unterscheiden,die einer höheren Stufe der socialen Entwickelung entsprechen und zur Gel-tung kamen, seitdem der Stammesgott als Vater verehrt wurde.
Einige der bemerkenswertesten und stehenden Züge des ganzen antikenHeidentums — und ebenso aller Naturreligionen vom Totemismus der rohestenVölker an aufwärts — finden ihre ausreichende Erklärung in der natürlichenVerwandtschaft, die die menschlichen wie die übermenschlichen Glieder derselbenreligiösen und. socialen Gemeinschaft verbindet, wobei die besondere Anschau-ung von der Vaterschaft der Gottheit noch ausser Betracht bleiben kann.Von diesem Gesichtspunkt aus wird die natürliche Gemeinschaft zwischendem Gott und seinen Verehrern, die als eine charakteristische Anschauungdurch alle antiken Religionen verbreitet ist, sofort verständlich; das unlös-liche Band, das die Menschen mit ihrem Gotte verknüpft, ist die Gemeinschaftdes gleichen Bluts, die im alten Gemeinwesen das einzige Bindeglied zwischenden Menschen und die einzige heilige Grundlage der sittlichen Verpflichtungenwar. So sehen wir denn, dass selbst die rohesten Formen der Religion einesittliche Macht in sich schlössen; die Mächte, welche der Mensch achtete,standen auf seiten der festen Ordnung des Gemeinwesens und Stammesgesetzes.Die Furcht vor den Göttern war ein Motiv, um die Gesetze des Gemeinwesenszu festigen, die zugleich Gesetze der Sittlichkeit waren.
28) s. Kinship, p. 292—300, Note 8.
29) [Pindar, Nem. VI, 1. 2: „äv ävSpffiv ev S-söv y^voj, &•/. (iiäg 5s tivsohsv |iaxo6g ä(i-Cföiepo'.." of. Hesiod, "Epya y.ai fyi. 108: „<i>; <5[jl6Ssv yöydaai S-eoi H-/7)ioi t' 3v6-p(oitoi"s. Preller-Robert, Griech. Mythologie I, 78—87.]
30) S. oben p. 32. Anm. 19.