Druckschrift 
Die Religion der Semiten
Seite
35
Einzelbild herunterladen
 

Verwandtschaft zwischen Göttern und Menschen. 35

die Ueberreste der semitischen Mythologie nicht sehr zahlreich sind; aberohne litterarische Aufzeichnung kann eine Mythologie nicht überliefert werden,und eine alte Litteratur aus dem semitischen Heidentum giebt es überhauptnicht. Die einzige Ausnahme bildet die Keilschriftlitteratur in Babylonien;in ihr finden wir auch die Reste einer reich entwickelten Mythologie. Sicherist gleichfalls, dass in der altarabischen Dichtung der heidnischen Zeit nichtviel Mythologisches enthalten ist. Aber die arabische Poesie hat mit derReligion überhaupt wenig Berührung; sie stammt aus einer Zeit völliger Zer-setzung des alten Heidentums und ist uns überdies nur in Sammlungen er-halten, die von muhammedanischen Gelehrten veranstaltet sind, die sorgsamalle Spuren vom Götzendienst ihrer Vorfahren soweit wie möglich zu um-gehen oder zu tilgen bemüht waren. Dass die Semiten ihre Mythologie nie-mals in einer epischen Dichtung ausgestaltet haben, wie die Griechen, ist zu-zugestehen ; aber zur Erklärung dieser Thatsache genügt ein Hinweis auf dieEigenart des semitischen Geistes, dem die Kraft zu plastischer Gestaltung unddie Fähigkeit zu anhaltender, geregelter Anspannung fehlt. Aus dem Fehlen'einer künstlerisch durchgebildeten Mythologie können wir keine Schlüsse aufdie Religion ziehen. Die Frage ist, ob es keine Spuren von einer mytholo-gischen Anschauung giebt, mag diese in der Form noch so roh sein. DieseFrage muss aber in bejahendem Sinne beantwortet werden. Wir dürfen hiernicht zu einer ausführlichen Erörterung der semitischen Mythen abschweifen,aber an dieser Stelle muss doch bemerkt werden, dass Ueberreste von Mythen,und nicht nur von Mythen, sondern auch von heiligen Bräuchen, vorliegen,die eine Anschauung von der Gottheit und ihrer Beziehung zu den Menscheneinschliessen, die uns völlig berechtigen, die Verwandtschaft zwischen Menschenund Göttern in ihrem wörtlichen und natürlichen Sinne aufzufassen, genauebenso wie in Griechenland. In Griechenland wurden Liebesverhältnisse zwi-schen Göttern und Töchtern der Menschen nur .dem entlegenen Altertum zu-gewiesen ; in Babylon aber wurde noch zur Zeit des Herodot dem Gotte Beiein menschliches Weib überlassen, die die Nacht im Tempel verbrachte undmit der er, wie man glaubte, sein Lager teilte 2 *. In einem der wenigen, un-verändert überlieferten Fragmente der alten M) r thologie im alten Testamentlesen wir von Söhnen der Götter, die Töchter der Menschen zu Weibernnahmen und die Väter von berühmten Helden der Urzeit wurden (Gen. 6, 14).Ein solcher Held ist im babylonischen Mythus Gilgames 2S , dem die grosse Göttinihre Hand anzutragen nicht verschmähte. Aehnliche Sagen bietet die arabischeUeberlieferung. Der Stamm der c Amr b. Jarbü c wurde von einer siHät, einemweiblichen Dämon, abgeleitet, die das Weib seines menschlichen Stammvaterswurde, aber plötzlich in der Erscheinung eines Blitzstrahls verschwand ao . In

.24) Herod. I, 181:oüäs vüxxa O'JSsic; ivauXi^sxat ävü-pümow ov. |iVj y uv, >1 Jioövyj tmvi-L-^Eipiewv, xvjv av 6 9-sög sXTjxoa er. nävctov." Das ist nicht in höherem Masse realistischals der Brauch, dem Herkules (Baal) von Sanbulos ein Pferd zu stellen, auf dem erzum Jagen in der Nacht ausritt. (Tacit. Ann. XII, 13. vergl. Graz. Archeol. 1879, p. 178 ff.)

25) [Diese Lesung des Namens Izdubar ist jetzt inschriftlich bezeugt; s. H.Zimmern, Uebersetzung der babylonischen Sintflutsage beiG-unkel, Schöpfung undChaos, p. 423, N. 3.]

26) I b n D ur a i d. Kitäb al-iltikäk (G-enealog.-etymolog. Handbuch ed. F. Wüstenfeld.1854) p. 139. Z. 6 ff. Das bedeutet, dass das dämonische Weib ein Lichtwesen war.Sonst erscheint die si'lat auch als ein feuriges, brennendes Wesen. Ibn Hiiäm (p. 27,Z. 14) vergleicht die feindlichen Abessynier mit den Sa'ali, weil sie das Land durch

3*