34 Zweites Kapitel. Das Wesen der religiösen Gemeinschaft etc.
Der ursprüngliche Zusammenhang zwischen Religion und Verwandtschaftwird insbesondere durch das Vorhandensein des Priestertums erwiesen, dasauf die Glieder eines Stammes oder einer Familie beschränkt ist, die vielfachnicht desselben Blutes sind wie die Anhänger eines Cultus. Derartige Fällesind nicht nur unter den Arabern häufig 23 , sondern ebenso unter den andernSemiten (s. Rieht. 17), wie überhaupt in der alten Welt. Li solchen Fällenkann der priesterliche Stamm wohl oft als die ursprüngliche, verwandtschaft-liche Gemeinschaft gelten, die ehemals im alleinigen Besitze der Heiligtümerdes Gottes war und sie zu verwalten fortfuhr, nachdem auch Gläubige vonaussen her zu der Religion Zutritt erlangt hatten.
Wenn wir sodann auf die Ausübung des Cultus näher eingehen, so er-giebt sich, dass Stämme verschiedenen Blutes, die an demselben Heiligtumihren Cultus ausübten und denselben Gott verehrten, sich trotzdem von einandergesondert hielten und niemals eine eultische Handlung gemeinsam vollzogen, inder sie sich zu einer religiösen Gemeinschaft vereinigt hätten. Der Cultus war stetsauf den Bereich des Stammes beschränkt, obgleich die Gottheit nicht nur vomStamme verehrt wurde; und der einzige Weg, auf dem zwei Stämme zu einer religi-ösen Vereinigung gelangen konnten, bestand in einer Bundesceremonie, durchdie symbolisch zur Darstellung kam, dass sie fortan nicht zwei Stämme bilden,sondern eines Blutes sein wollten. Es ist mithin klar, dass der Bereich derreligiösen Gemeinschaft unter den Arabern ursprünglich durch den Zusammen-hang der Stammesgenossen gebildet wurde. Wenn dem so ist, so bedarf eskeines Beweises mehr, dass man den Gott selbst mit seinen Verehrern alsdurch die Bande des Blutes vereint betrachtete, d. h. als ihren grossen Stam-mesgenossen oder bestimmter als ihren grossen Stammvater.
Man hat oft behauptet, dass der Gottesbegriff der Semiten abstract undtranscendental sei. Während die arische Religion in ihrer poetischen My-thologie die Götter in den Bereich der Natur oder des menschlichen Lebensherabziehe, zeige die semitische Religion stets das entgegengesetzte Streben,indem sie danach trachte, die Gottheit in einem möglichst grossen Abständevom Menschen erscheinen zu lassen, und indem sie bereits von Anfang andie Keime eines abstracten Deismus in sich schliesse. Dieser Anschauunggemäss werden die Anthropomorphismen der semitischen Religion, d. h.alle Ausdrücke, die ihrem wörtlichen Sinne nach den Göttern eine physischeNatur, die der des Menschen verwandt ist, beilegen, als blosse Allegorie hinweg-gedeutet. Zum Erweise des fundamentalen Unterschiedes zwischen den arischenund semitischen Anschauungen über die Natur der Götter wird behauptet,dass Mythen, wie die der Arier, nach denen die Götter wie die Menschenhandeln, mit ihnen verkehren und mit der Menschheit thatsächlich ein ge-meinsames Leben führen, in der semitischen Religion keine Stelle hätten. Dasalles aber ist eine ganz unbegründete Annahme. Freilich ist richtig, dass
seinem Sohn gegenüber nicht das Gefühl der Verwandtschaft hegt. Die That des Imrul-kais beweist nicht, dass er gottlos war, sondern nur, dass die Verwandtschaft die Grund-lage der Religion bildete. [„Der Stamm war in Wahrheit Grenze und Quelle der Moral."Wellhausen, Reste arab. Heident. - p. 226.] Dass er bei solchen Voraussetzungendas Orakel eines fremden Gottes überhaupt befragt, ist vielleicht aus dem Umstände zuerklären, dass sein Heer eine Schar war, die sich aus Söldnern und Verbannten ver-schiedener Stämme zusammensetzte.
23) Wellhausen, Reste arab. Heident. p. 129 [130—131].